Good Talk - über Rassismus, Hautfarbe und Liebe

Auf ebenso scharfsinnige wie einfühlsame Weise zeigt Mira Jacob, was es heute bedeutet, in einem Land wie den USA eine dunkle Haut zu haben. Schon ihr sechsjähriger Sohn wird Opfer bestimmter Zuschreibungen von außen, die er noch gar nicht versteht. Im Gespräch mit seiner Mutter sucht er Sicherheit und Verständnis. Vieles davon lässt sich auch für die deutsche Gesellschaft sagen und lernen. Deshalb ist dieses Buch in der heutigen Zeit so wichtig!

Z's bezaubernde Sicht auf die Welt ist der Kern von Jacobs bewegender und sehr lustiger Graphic Novel, die Identität, race, Sexualität und Liebe erforscht.

Esquire
Good Talk Mira Jacob

Darum geht es

Mira Jacob, Tochter indischer Einwander lebt in New York mit ihrem Ehemann Jed, der weiß und jüdisch ist, und ihrem kleinen Sohn Z., dunkelhäutig wie seine Mutter – eine Reklame für harmonisches Zusammenleben, die sich im gegenwärtigen Klima wie eine Zielscheibe anfühlen kann.

Wie viele Sechsjährige hat Z. zu allem Fragen. Zunächst sind sie harmlos und komisch wie viele Kindersprüche, aber nach der Ermordung von Michael Brown in Ferguson 2014 beginnt der 6-jährige Z. seinen Platz in der Gesellschaft in Frage zu stellen. "Ist es schlimm, braun zu sein?", fragt er. "Haben Weiße Angst vor braunen Menschen?" Mit lebenslanger P.O.C.-Erfahrung lenkt Mira ihn vorsichtig ab und beruhigt. Doch dann kommt der Knaller: "Hat Papa Angst vor uns?" Beim Versuch, ihrem Sohn ehrlich zu antworten, muss Mira daran zurückdenken, woher sie ihre eigenen Antworten bekommen hat. Ihre prägendsten Gespräche über Rasse, Hautfarbe, Sexualität und natürlich Liebe finden sich in diesem Buch wieder.

Der Collage-Effekt schafft eine seltsame, unmittelbare Intimität. Die 'Gespräche', von denen Jacob erzählt, sind schmerzhaft, oft urkomisch und manchmal absurd, aber ihre Memoiren sind ein starkes Argument dafür, sie fortzusetzen.

Publishers Weekly

Die Gestaltung

In "Good Talk" reproduziert Jacob immer wieder dieselben in Schwarzweiß gezeichneten Figuren, fast wie Fingerpuppen, oft vor bunten Fotos: eine Chelsea Street, die Küche ihrer Eltern. Selbst ihre Hauptfiguren haben nur wenige Avatare, mit starren Posen und Ausdrücken. Aber Jacobs sampelt und collagiert, zoomt hinein und heraus. Die Figuren funktionieren perfekt als Grundgerüst für ihre Dialoge und erzeugen bisweilen einen eigenen trockenen Humor. Mit monochromen Zeichnungen macht sie deutlich, dass die Welt in der wir leben eben nicht Schwarzweiß ist!

Auszeichnungen für Good Talk

  • Shortlist des National Book Critics Circle Award
  • Longlist des PEN Open Book Award
  • New York Times Notable Book
  • Beste Bücher 2019 in Time, Esquire, Publisher’s Weekly und Library Journal
Mira Jacob
Über die Autorin

Mira Jacob

Mira Jacob ist Schriftstellerin, Illustratorin und Kulturkritikerin.

Sie wurde 1973 als Kind indischer Einwanderer in New Mexiko, USA geboren. Sie lebt mit ihrem Mann, dem Dokumentarfilmer Jed Rothstein, und ihrem Sohn in Brooklyn. Ihr Roman „The Sleepwalker‘s Guide to Dancing“ wurde für den indischen Tata First Literature Award nominiert, für den Brooklyn Literary Eagles Prize nominiert und von Kirkus Reviews, The Boston Globe, Goodreads, Bustle und The Millions zu einem der besten Bücher des Jahres 2014 gekürt.

Ihre grafischen Memoiren „Good Talk: A Memoir in Conversations“ befindet sich derzeit als Fernsehserie in der Entwicklung. Ihre Arbeiten erschienen in der New York Times Book Review, Electric Literature, Tin House, Literary Hub, Guernica, Vogue und dem Telegraph.

Mehr auf www.mirajacob.com

Die amerikanische Autorin Mira Jacob spricht über ihre Arbeit an der Graphic Novel „Good Talk”, über Michael Jackson, Rassismus und radikale Ehrlichkeit

Ja, vor allem das erste Gespräch, von dem ich im Buch erzähle, in dem die Michael-Jackson-Manie meines Sohnes, ihn dazu bringt, Fragen nach der Bedeutung von Rasse und Hautfarbe in Amerika zu stellen. Mein erster Instinkt war, einen Essay über dieses Gespräch zu schreiben, aber 2014 setzte sich in einem bestimmten Segment der amerikanischen Bevölkerung die Meinung durch, dass Systemkritik seitens marginalisierter Communitys in erster Linie von so genannten „Snowflakes“ kommt, also dünnhäutigen Liberalen, die sich gerne aufregen. (Ich spare es mir an dieser Stelle, auf die Ironie einzugehen, dass genau der Menschenschlag, der sich dieser Argumente bedient, derjenige ist, der es sich verbittet, im öffentlichen Raum über Sklaverei und das Unrecht in der amerikanischen Geschichte zu sprechen, weil es seine Gefühle verletzt ...). Ich verkniff mir also den Essay, nicht zuletzt, weil ich schon die Reaktion in den sozialen Netzwerken darauf vor mir sah: Die Leute würden behaupten, dass ich mir das alles nur ausgedacht habe, als knackigen Aufhänger für einen kritischen Text. Diese Art von Vorwurf ist natürlich immer einfacher, als sich damit auseinanderzusetzen, wo-von ich erzähle und was in meinem Sohn und unserer Familie vorgeht. Aber dann wurmte es mich doch, dass ich mich selbst so beschnitten habe. Aus Frust habe ich uns einfach gezeichnet und habe diese Bilder dann ausgeschnitten. Die Papierschnipsel habe ich auf das Cover der Michael-Jackson-Platte gelegt und abfotografiert. Diese Collagetechnik wurde dann zur Vorlage für das Buch.

Ich war es müde, zu versuchen, weißen Amerikanern meine Ängste und meine Schmerzen verständlich zu machen. Menschen, die sich als unfähig erwiesen haben, tiefgreifende Diskussionen über die Bedeutung von Rasse in diesem Land zu führen, weil man ihnen unentwegt das Gefühl vermitteln muss, dass sie trotzdem gute Menschen seien. Und in vielen Fällen sind sie das noch nicht mal. Sie verhalten sich wie Menschen, die in dem Glauben erzogen wurden, besser als andere zu sein, auch wenn das Leben ihnen ständig das Gegenteil beweist. (Sogar jetzt, während ich diese Zeilen schreiben, muss ich mich zwingen, nicht direkt anzufügen, dass ich mich auch nicht für besser halte als weiße Amerikaner – das ist der uns allen anerzogene Reflex, das „weiße Ego“ niemals zu verletzen ...)

Als Schriftstellerin fiel mir der Schreibpart wenig überraschend am leichtesten. Für den Part habe ich nicht mehr als ein paar Monate gebraucht. Aber mir die nötige Finesse beim Zeichnen anzueignen und dann zu lernen, die Layout-Pro-gramme zu beherrschen, die man benötigt, um ein Buch zu designen – das war die wirkliche Herausforderung.

Ja. So wie ich es über bin, für ein Publikum über Diskriminierungserfahrungen und Ängste zu sprechen, bin ich es auch leid, meinen Schmerz nach außen zu „darzustellen“. Ich habe versucht, wirkliche menschliche Emotionen in meinen Figuren zu zeichnen, Leid und Schmerz, aber es hat mich völlig ausgelaugt. Ich ... wollte es einfach nicht. Als ich noch ganz am Anfang stand, hat ein (weißer, männlicher) Lektor mich auf diese Dissonanz angesprochen und mir gesagt, dass sie ihm den Zugang zu meinem Buch erschweren würde. Er hat mich gefragt, ob ich nicht mal ein weinendes Gesicht oder eins mit einem bestürzten Ausdruck zeichnen könnte. Und ich fragte ihn, was passieren würde, wenn es so bleibt. Er meinte: „Es wirkt seltsam auf mich. Ich habe das Gefühl, als müsste ich all die Gefühle für die Figuren mitempfinden, weil die Charaktere sie nicht vermitteln.“ Und ich dachte, ganz genau das will ich.

Als ich die Arbeit an „Good Talk“ aufnahm, war Obama noch Präsident und die meisten weißen Amerikaner*innen lebten noch in dem seligen Glauben, dass unser Land kein Rassismusproblem hat. Die Trump-Wahl hat vielen diesen Schleier von den Augen genommen. Durch Trump hatte die Arbeit am Buch etwas Dringliches und Notwendiges gewonnen. Gleichzeitig hat mich das Schreiben und Zeichnen davon abgehalten, die Geduld mit den Leuten zu verlieren, die nach meinem Geschmack noch zu langsam kapierten, was in diesem Land vor sich geht. Geduld gehört nicht zu meinen Stärken ...

Ehrlich gesagt habe ich mir in erster Linie gewünscht, dass es seine Leser*innen findet – diejenigen von uns, die sich schon lange fragen, was dieses Land mit uns tut und was es von uns will. Die negativen Kommentare lese ich nicht, aber hin und wieder schafft es eine erzürnte Person, mich online ausfindig zu machen und sich lautstark zu beschweren, dass alle meine Figuren denselben Gesichtsausdruck haben. (In der Regel gebe ich mich dann immer ganz zerknirscht und schreibe: „Himmel, ich wusste doch, dass ich was vergessen habe ...“)

Bislang hat sich niemand aus meinem näheren Umfeld getraut, mich dafür zu kritisieren, auch wenn ich mir durchaus vorstellen kann, dass der eine oder andere beim Lesen innerlich gekocht hat. Falls sie sich jemals ein Herz fassen und mir Vorwürfe machen, dann werde ich mir die Kritik natürlich anhören und ein Gespräch mit ihnen suchen. Aber ich vermute, dass diejenigen, die wütend auf mich sind, eher wütend darauf sind, dass meine Wirklichkeitswahrnehmung eine andere als die ihre ist. Und es ist wirklich schwierig, darüber zu sprechen. Das setzt radikale Ehrlichkeit und Verletzlichkeit voraus.

Ganz und gar nicht. Joe Biden hat Donald Trump abgelöst, aber Amerika hat immer noch ein enormes Rassismusproblem. Das hat sich kein bisschen in den letzten Monaten geändert.