Reinhard Kleist über Starman

Mit NICK CAVE, CASH, DER BOXER und CASTRO hat sich Reinhard Kleist bereits einigen spannenden Biografien gewidmet. Warum und wie er in seinem neusten Comic das Leben der Musik-Ikone DAVID BOWIE beleuchtet, erzählt er hier.

Reinhard Kleist

Über Reinhard Kleist

Reinhard Kleist wurde 1970 in Hürth geboren und arbeitet seit 1996 als Comiczeichner und Illustrator in Berlin. Der internationale Durchbruch gelang ihm 2006 mit dem biografischen Comic Cash. I See a Darkness

Für Der Boxer erhielt Reinhard Kleist 2013 den Deutschen Jugendliteraturpreis, auch Der Traum von Olympia wurde mit zahlreichen Jugendbuchpreisen prämiert. 2017 beschäftigte sich Reinhard Kleist erneut mit einem der großen Erzähler der Musikwelt: Nick Cave.

2018 wurde Reinhard Kleist für sein Werk mit dem Max und Moritz-Preis als Bester deutschsprachiger Comic-Künstler geehrt. Neben seinen Comics illustrierte Reinhard Kleist zahlreiche Bücher, darunter George Orwells 1984 und Ray Bradburys Das Böse kommt auf leisen Sohlen. Er arbeitete u. a. für das Süddeutsche Zeitung Magazin, die FAZ sowie ARTE und Phoenix, gibt Workshops in aller Welt und steht regelmäßig bei Live-Drawing-Konzerten auf der Bühne.

Was verbindest Du mit Bowie und wie lange begleiten er und seine Musik Dich schon?

Tatsächlich ist ein Lied von Bowie das erste Poplied, an das ich mich bewusst erinnern kann. Es war „Ashes to Ashes“. Später war Bowie dann Rolemodel für einen Teenager wie mich, der in einem Dorf im Rheinland aufwächst und merkt, dass er anders ist als die anderen. „Der Bowie ist ja auch anders“, habe ich mir wohl gedacht, und mich prompt in ihn verschossen.

Seine Musik habe ich die ganze Zeit verfolgt, auch wenn Phasen dabei waren, die mich nicht so begeistert haben. Und ich hatte die Gelegenheit, ihn mal live in New York in der Radio City Music Hall zu erleben. Ein ganz eindrückliches Erlebnis, weil ich ganz vorne stand und mir 100% sicher war, dass er mich angeguckt hat. Ganz sicher! 

 

Ziggy Stardust Comic

Was war für Dich das Bezeichnende an der Ziggy-Persona?

Bowie sprach in einigen Interviews über die Figur Ziggy tatsächlich so, als ob es jemand anderes wäre und die Figur eine Art Eigenleben entwickelt hätte. Ziggy stellt einen kalten, rücksichtslosen Teil der Persönlichkeit Bowies dar, der ihm verhilft, im Rock Business nach ganz oben durch zu starten. Doch dieser Teil nimmt irgendwann Oberhand und Bowie muss sich von ihm befreien. Es ist faszinierend wie er auf dem Album „Rise and fall of Ziggy Stardust and the Spiders“ mit den Elementen der dunklen Seite des Rock Business‘ gespielt hat. 

Und wie sehr war Bowie Deiner Meinung nach seiner eigenen Kreation erlegen?  

Ziggy war für ihn einerseits das Ticket nach ganz oben, andererseits merkte er aber auch, dass er selbst hinter dieser Figur verschwand. Die Leute sahen nur noch Ziggy, nicht mehr David Bowie. Die Zerstörung der Figur, die ich allegorisch mit dem Abfackeln seiner Garderobe dargestellt habe, war nur ein logischer Schritt zu seiner Emanzipation und ein weiterer Schritt bei der Entdeckung seiner vielen, in ihm verborgenen Persönlichkeiten. Und das Ende des Glam Rocks. 

 

Ziggy_Stardust
David Bowie das Ende der Welt

Welche Rolle nahm das Spiel mit dem Extraterrestrischen für die Inszenierung von Bowies Kunst ein? Und in wie weit hat Dich dieses Element als Comic-Biograf angesprochen?

Genau wie Bowie bin ich ziemlicher Science-Fiction Fan und „2001“ zählt für mich zu den großartigsten Kinoereignissen meines Lebens. Ich kann mir kaum ausmalen, wie dieser Film zu der Zeit auf die Leute gewirkt haben muss, als er in die Kinos kam.  

Die Geschichte von Ziggy Stardust ist eine, wie oft bei Bowie, düstere Zukunftsvision: Die Welt steht am Abgrund, Rettung naht aus dem Weltall. Und diese Rettung wird verkündet vom Rock-Messias Ziggy Stardust, der an seinem Ruhm zerbricht. 

Hier sind natürlich deutliche Bezüge zu der Situation, in der wir heute leben. Auch wir sind konstant mit unserer eigenen Auslöschung konfrontiert, sei es durch Klimawandel, atomare Aufrüstung oder Umweltzerstörung oder anderes. Die Apokalypse scheint immer nur einen Schritt entfernt. Der Gedanke der Mission, zu der Ziggy und Bowie aufbrechen, um die Welt mit Musik zu retten, zieht sich durch das ganze Buch. Und gleichzeitig ist das Scheitern vorprogrammiert. Damit zieht der zu diesem Zeitpunkt noch sehr junge Bowie eine bittere Bilanz aus dem Rockbusiness. 

Gleichzeitig erscheint es mir aber auch wie eine Reflexion, auf die in ihn gesetzten Hoffnungen, Träume und Sehnsüchte seines Publikums. Eine Dimension, die er zu dem Zeitpunkt des Schreibens der Songs noch gar nicht erfassen konnte. Da ist die absolute Bewunderung seitens des Publikums, der Wunsch nach Nähe zu dem angehimmelten Star, und der Wunsch nach einer Errettung aus dem eigenen unscheinbaren oder gar unglücklichen Leben hin zu einer strahlenden Größe, verkörpert durch die Versprechungen des Rocks. Und da ist die Enttäuschung, die darauffolgen muss, da der Star diese Wünsche niemals erfüllen kann. Doch es gibt etwas, was Ziggy uns mit auf den Weg gibt, aber das werde ich erst ein Teil 2 erläutern. 

David Bowie das Ende der Welt
Ziggy Stardust

Wie wichtig war Dir die kritische Distanz zu Deinem Protagonisten?

Ich versuche stets auch eine Distanz zu dem Geschehen zu wahren, das ich porträtiere. Ein bloßer „Hurra-Comic, wie großartig ist dieser Bowie!“, würde ihm nicht gerecht werden. Bowie hatte immer auch eine kritische Sichtweise auf sich selbst und seine dunklen Facetten. Ein Auslassen seiner Eskapaden und Abgründe würde kein gutes Porträt ergeben. Ich muss aber natürlich aufpassen, was ich zeige. Ich brauche verlässlichere Quellen als zum Beispiel das Buch seiner Exfrau. 

Was macht für Dich als Illustrator den Reiz aus, legendäre Designs nachzuzeichnen?  

Das visuelle Erscheinungsbild von Bowie war sicher einer der wichtigsten Gründe, warum ich mich an Bowie gemacht habe. Und von Nick Cave kam ebenfalls der Ratschlag, Bowie zu zeichnen, weil der ja so schön visuell sei. Gerade die wunderbaren Kostümdesigns von Yamamoto, aber auch die von Freddie Burretti, waren ein riesiger Spaß zu zeichnen.

Bowie war ja sehr von Theater und Pantomime beeinflusst. Er wusste genau, wie er sich auf der Bühne inszenieren konnte und er war da auf jeden Fall ein Wegbereiter späterer dramatischer Bühnenshows. Alleine sein Einsatz der Bühnenbeleuchtung war etwas vorher nie da Gewesenes. Alles gipfelte dann später in der Bühnenshow zu Diamond Dogs, die alles in den Schatten stellte.  

David Bowie Mode
Über die Zusammenarbeit mit Kolorist Thomas Gilke

„Cash“ und „Nick Cave“ waren beide Schwarzweiß, in „Starman“ spielt Farbigkeit aber natürlich eine wichtige Rolle. Für diesen Part stand Dir der Kolorist und Grafiker Thomas Gilke zur Seite. Wie war die Zusammenarbeit?

Ich muss zugeben, dass es am Anfang doch eine gewisse Überwindung gekostet hat, die Kolorierung aus der Hand zu geben. Bowies Farbspektrum, zumindest zu der Ziggy- Zeit, ist meilenweit von dem reduzierten Farbkanon entfernt, den ich sonst so abdecke. Da kam mir die Idee, jemanden zu beauftragen, mir bei den Farben zu helfen. Einen Teil der Kolorierung, die Rückblenden, habe ich selbst gemacht. Aber für die illustrierten Songs und die Gegenwartsebene brauchte ich einen Künstler, der sich auch nicht scheut, mit den Farben extrem zu werden. Da war Thomas genau der Richtige.

Die Farben atmen die 70er-Jahre und den Geist Ziggys. Bei den illustrierten Songs von „Ziggy Stardust“ benutzte Thomas eine Ästhetik, die an Comichefte aus der Zeit erinnern. Das trifft genau den Nerv der Songs und der Erzählung über den scheiternden Rock-Messias. Bei „Space Oddity“ habe ich es mir aber nicht nehmen lassen, den Song selbst zu kolorieren. Er fällt eh etwas aus dem Konzept des Buches heraus, da es der einzige illustrierte Song ist, der nicht auf „Rise and fall of Ziggy Stardust“ enthalten ist. 

Thomas’ und meine Arbeitsweise war recht simpel, allerdings auch ein ziemliches Hin und Her: Ich habe erst alle Seiten fertig gestellt und das Layout mit den Rahmen und Sprechblasen gebaut. Dann wurde alles an Thomas geschickt, bzw. auf einem Stick übergeben, den ich mit dem Fahrrad nach Buckow, wo er wohnt, gebracht habe. Eine sehr schöne Fahrradtour übrigens. Dann hat Thomas koloriert und mir alles wieder zugeschickt, so dass ich es in mein Layout einfügen und letzte Korrekturen machen konnte. Dann ging es wieder zurück und die Seiten wurden für die Buchherstellung vorbereitet.

Inwiefern dienen die Farben als Orientierungshilfe für die Leser*innen?

Die Kolorierung haben Thomas Gilke und ich uns geteilt. Für die eher einfarbig gehaltenen Rückblenden sowie die Illustration des Liedes „Space Oddity“. In der Geschichte gibt es ja drei Ebenen: Da ist die Rahmenhandlung, die die Tour für das Album „Rise and fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ beschreibt, die illustrierten Songs des Albums, die ja eine Geschichte erzählen, und die Rückblenden, die die Jugend Bowies und seine Anfänge als Musiker bis zum Beginn der Tour zählen. Durch die unterschiedliche Kolorierung fällt dem Leser ein Zurechtfinden in den Erzählebenen leichter: Die Ebene der Tour ist in immer knalliger werdenden, aber noch einigermaßen naturgetreuen Farben gehalten. Die illustrierten Songs haben eine überdrehte Farbästhetik, die an Comics aus den 70er Jahren erinnern soll. Die Rückblenden sind im warmen Sepia gehalten, mit einigen Ausbrechern in andere Farbspielräume, je nach Situation und Stimmung.

David Bowie Berlin

STARMAN ist der erste von zwei geplanten Bowie-Comics. Was kannst Du uns über die Fortsetzung „Low - David Bowie‘s Berlin Years“ schon verraten?

Im Moment bin ich noch im Schreibprozess, das Erscheinungsdatum ist aber noch nicht geplant. Es wird um von der Zeit nach Ziggy Stardust handeln, in der Bowie in die USA ging und sich dort in einem fortdauernden Kokainexzess fast selbst ausgelöscht hätte. Und dann wird es um seine Zeit in Berlin gehen, die so etwas wie eine Reinigung für ihn war und rückblickend von ihm als seine glücklichste Zeit bezeichnet wurde.

Zum Schluss noch die Frage, welche Bowie-Songs sollte man beim Lesen von „Starman“ in die Playlist legen? Und welche Bowie-Songs sind Deine persönlichen Favoriten?

Natürlich die Songs vom Album „Rise and fall…“ Und dabei kann man auch gerne die Lyrics lesen, die wir aus rechtlichen Gründen zum großen Teil nicht benutzen durften. Da wird einem klar, was für ein visionärer Songschreiber er war. Meine persönlichen Favoriten, das ist schwer zu sagen. Ich liebe die Alben aus der Berlin-Zeit, und ja, natürlich den Song „Heroes“. Aber es sind meistens eher die Gesamtwerke, die ich toll finde, die Alben wie „Ziggy Stardust“, „Aladdin Sane“ zum Beispiel oder „Outside“. Jedes hat eine eigene Atmosphäre und Persönlichkeit.

Spotify Playlist

75 Jahre David Bowie - 50 Jahre Ziggy Stardust

Am 8. Januar 2022 wäre David Bowie 75 Jahre alt geworden. Er gilt als Musik-Ikone, der sich nicht nur einmal neu erfunden hat. Den Grundstein für seine Karriere legte er mit der Kunstfigur Ziggy Stardust und dem Konzeptalbum "Rise and fall of Ziggy Stardust and the Spiders".

Für Fans und Sammler

Die Comic-Biografie über David Bowies Ziggy Stardust

In zwei Ausgaben erhältlich: Als Hardcover mit auffälligem pinken Cover und als edle Luxusausgabe im Hardcover mit Schutzumschlag, Farbschnitt und handsigniertem Druck, limitiert auf 1972 Exemplare.