THERE IS NO FUTURE IN THIS LOVE: "LGBTQ-Themen sind alltäglich"

Lies hier ein Interview mit dem Autor Bingo Morihashi und dem Mangaka Suwaru Koko über ihr gemeinsames Werk THERE IS NO FUTURE IN THIS LOVE.

There is no Future

Ein leiser Aufschrei für Akzeptanz

Der Manga THERE IS NO FUTURE IN THIS LOVE erzählt behutsam und sensibel die Geschichte eines Menschen, der im falschen Körper geboren wurde. Die Geschichte, die in zwei Bänden abgeschlossen ist, spielt im Japan der Achtziger Jahre. Die Hauptfigur ist Yuji, die zwei Geheimnisse mit sich schleppt: zum einen hegt er tiefe Gefühle für seinen langjährigen Freund Masaki, und zum andern lebt Yuji in einem falschen Körper. Ein Körper, der nicht seiner ist, der ihn anwidert… Eines Tages lässt Yujis Schwester ein Kleid in seiner Wohnung liegen, er kann nicht widerstehen und zieht es an. Der vorsichtige Beginn einer Wandlung...

 

Im Interview mit dem Magazin Manga Passion hat das Autorenteam Bingo Morihashi und Suwaru Koko darüber gesprochen, wie sie auf die Idee zu der Story kamen, warum ihnen das LGBTQ-Thema so wichtig ist und was die größten Herausforderungen bei der Umsetzung waren. 

Wir danken Manga Passion, dass wir das Interview auch auf unserer Seite veröffentlichen dürfen.

Morihashi-sensei, Ihr Manga THERE IS NO FUTURE IN THIS LOVE stellt Yuji in den Handlungsmittelpunkt, der sich in seinem Körper nicht wohlfühlt. Wie sind Sie auf dieses Setting gekommen?

Morihashi: Selbst jetzt, im Jahr 2021, sind LGBTQ-Belange in Japan noch nicht sehr verbreitet. Mit dem Blick auf die Zukunft sollten aber genau diese allgemein bekannter werden. Man behandelt diese Thematik, als wäre es eine Wissenschaft, das finde ich nicht richtig. Denn LGBTQ-Themen sind alltäglich. Was wir tun müssen, ist, LGBTQ-Themen nicht als "spezielles Problem" aufzufassen, sondern ganz selbstverständlich zu wissen, dass "es solche Menschen" gibt.

Deshalb wollte ich die Menschen durch ein Unterhaltungsmedium auf LGBTQ-Themen aufmerksam machen. Werke, die sich mit solchen Themen befassen, werden auch heute noch als etwas "Besonderes" behandelt, aber ich dachte, dass durch die steigende Zahl solcher Werke LGBTQ-Themen unter den Menschen "selbstverständlich" werden würden.

Warum haben Sie sich dazu entschieden, die Geschichte in Tokyo, vor allem in den frühen Achtzigern, zu platzieren? 

Morihashi: Wenn die Geschichte in der Gegenwart spielen würde, in der der Begriff LGBTQ bereits existiert, wäre das Leid der Hauptfigur Yuji nicht unbedingt nur sein eigenes. Heutzutage gibt es im Internet Orte, an denen die Menschen ihre Sorgen äußern können und es gibt auch Organisationen, die sich mit solchen Themen befassen. Wenn man unter dieser Bedingung die Geschichte aufsetzt, dann ist diese Herausforderung von Yuji nicht mehr sein eigenes Problem, sondern das Problem der „ganzen Gesellschaft“.

Daher habe ich beschlossen, die Geschichte in den Achtzigern anzusiedeln, als LGBTQ-Themen noch nicht alltäglich und anerkannt waren. Zudem hatte ich die Idee, die Geschichte in der Vergangenheit von meinem früheren Werk Kono Koi to, Sono Mirai (etwa: Diese Verliebtheit und deren Zukunft), das dieselbe Thematik behandelt, anzusiedeln.

Im Zusammenhang dazu würden wir auch gerne wissen, wie Ihre Recherche für das Werk und explizit in Bezug auf Yuji und dessen Transsexualität ausgesehen hat.

Morihashi: Ich habe eine Reihe von Werken gelesen, die sich mit solchen Themen befassen, und ich habe mir die Geschichten Betroffener persönlich angehört und sie über ihre Erfahrungen und Schwierigkeiten befragt. Doch schließlich habe ich mich nicht von den Informationen aus dieser Recherche leiten lassen.

Letztendlich hat die Kategorisierung dieser Probleme in L, G, B, T, Q, usw. in einigen Bereichen zu Vorurteilen geführt. Selbst wenn die Geschlechtsidentität scheinbar gleich ist, hat jeder Mensch andere Probleme, und diese Probleme werden noch vielfältiger, wenn die Sexualität miteinbezogen wird. Ich hielt es daher für besser, Yuji nicht wie eine stereotype transsexuelle Figur aussehen zu lassen und beschloss daher, mich nicht zu sehr auf die Informationen aus meinen Recherchen zu verlassen.

"Man behandelt diese Thematik, als wäre es eine Wissenschaft, das finde ich nicht richtig.

Denn LGBTQ-Themen sind alltäglich."

Bingo Morihashi 

Uns sind außerdem vereinzelt Schmetterlinge im Werk aufgefallen, welche Bedeutung haben diese?

Morihashi: Der Schmetterling, der sich von einer flügellosen Raupe in eine Puppe und schließlich zu einem Schmetterling mit schönen Flügeln verwandelt, ist ein Symbol für „Veränderung“. Gleichzeitig kann er aber auch Yujis Unbehagen gegenüber seinem eigenen Körper und seinen Wunsch nach Veränderung symbolisieren. Außerdem sagt man, dass Schmetterlinge nachts von Lichtern angelockt werden und sich selbst verbrennen. Das wäre auch ein Hinweis darauf, dass Yuji zwar näher in Richtung des „Lichtes“ kommt, aber das nicht unbedingt sein Glück bedeutet. 

Was war für Sie beide jeweils das Schwierigste bei der Arbeit an THERE IS NO FUTURE IN THIS LOVE?

Morihashi: Als jemand, der nicht von der Thematik der Transsexualität betroffen ist, hatte ich immer Bedenken, diese darzustellen. Ich selbst gehöre zum B innerhalb der LGBTQ-Community, trotzdem bin ich keine Person, die sie vollständig versteht. Ich glaube zwar, dass jeder Mensch anders ist, aber ich hatte trotzdem Angst, dass jemand sagen würde, dass so etwas nicht möglich sei.

Koko: Das Setting der Achtziger war zeichnerisch sehr schwierig umzusetzen. Ich kannte die genauen Merkmale der Gebäude und Menschen nicht, also tastete ich vorsichtig nach den Details.

Was ist Ihre jeweilige Lieblingsszene aus dem Manga? Welche ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben? 

Morihashi: Für mich ist es die Szene, in der Yuji zum ersten Mal ein Kleid anzieht. Diese Szene liegt mir besonders am Herzen, sowohl in dem Sinne, dass die durch einen kleinen Zufall geschaffene Situation eine große Auswirkung auf Yujis Gefühle und Handlungen hat, als auch in dem Sinne, dass es sich dabei um eine wunderbare Zeichnung von Koko-sensei handelt. In diesem doppelten Sinne bleibt die Szene stark in meiner Erinnerung. 

Koko: Für mich ist das die Szene, in der die geschminkte Ayumi Masaki zuhause besucht hat.

There is not Future in this Love

Wie kam es zu der Zusammenarbeit zwischen Ihnen beiden? Wie organisierten Sie die Abläufe bei der Arbeit und wie fand die Kommunikation zwischen Ihnen beiden statt?

Morihashi: Ich habe zunächst die Original-Story abgegeben, dann hat die Redaktion einen Zeichner ausgesucht. Da Koko-sensei weit weg wohnt, habe ich im Grunde genommen nur über die Redaktion mit Koko-sensei zusammengearbeitet

Koko: Die Redaktion hat mich angefragt, so kam die Zusammenarbeit zustande. Was die Abläufe innerhalb der Zusammenarbeit angeht, so habe ich zunächst über die Redaktion den Plot bekommen. Anhand dessen habe ich dann das Storyboard erstellt. Im Anschluss hat Morihashi-sensei den Entwurf geprüft und abgesegnet, bevor ich mich dann ans Zeichen des Storyboards gemacht habe.

In Japan ist der Manga bereits vor einiger Zeit erschienen. Würden Sie uns schildern, wie Sie die Resonanz der japanischen Leserschaft wahrgenommen haben? Ist Ihnen dabei eine Rückmeldung besonders im Gedächtnis geblieben?

Morihashi: Ehrlich gesagt gab es in Japan weder große Resonanz noch einen wirtschaftlichen Erfolg. Ich kann keine besondere Kommentar von Lesern nennen. Die Story an sich endet zwar mit dem zweiten Band, geplant war aber, dass es noch ein wenig weitergeht. Doch in Europa wie in Frankreich hat der Manga eine gute Bewertung bekommen. Das hat mich sehr gefreut!

Koko: In Japan haben nicht viele den Manga gelesen. Aber trotzdem gibt es Leser, die mir sagen, dass sie den Manga mögen. Ich habe mich darüber sehr gefreut! 

Haben Sie noch abschließende Worte für Ihre deutschsprachige Leserschaft?

Morihashi: Als Originalautor freue ich mich sehr, dass mein Werk in Deutschland erscheint, wo es ein großes Verständnis für die LGBTQ-Bewegung gibt. Ich bin zwar nicht sicher, ob meine Geschichte von den Lesern akzeptiert wird, aber wenn durch das Werk die LGBTQ-Thematik mehr Aufmerksamkeit bekommt, würde ich mich sehr freuen. Ich erinnere mich noch an das Motto "Wir sind alle anders. Wir sind alle gleich!" vom Christopher Street Day in Berlin aus dem Jahr 2015. Diese Worte sind für mich heute noch sehr bedeutend.

Koko: Ich bin sehr dankbar, dass ich die zwei Bände zeichnen durfte! Das ist das Werk, bei dem ich zuerst ausgiebig über die Gefühle der Charaktere nachgedacht und dann gezeichnet habe. Ich würde mich freuen, wenn viele das Werk lesen.