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Storytelling Workshop

Storytelling Workshop

Was macht eine gute Story aus, wie konzipiere ich meine Charaktere und welche Schritte muss ich überhaupt unternehmen, um meine Ideen sinnvoll aufs weiße Blatt zu zaubern? Michael Waaler, der Autor von "A Kiss from the Dark", ist ein Meister auf diesem Gebiet! Schon auf verschiedenen Buchmessen hat er viele mit seinem Schreibworkshop begeistert und so einige gute Tipps für angehende Mangaka und Storyteller ausgepackt. Jetzt gibt es Michaels Workshop endlich auch online!
 

Was ist eine Geschichte?
Was ist eigentlich eine Geschichte? Und was zeichnet eine gute Geschichte aus?
Ich sehe eine Geschichte gern als edle Torte. Sie besteht aus vielen Zutaten, es macht viel Mühe, sie zu backen, und es ist sehr schwierig, sie perfekt hinzukriegen. Aber wenn Du es schaffst, lohnt sich das Ergebnis auf jeden Fall!

Doch wie sehen die Grundzutaten aus, die man braucht, um eine originelle, überraschende Geschichte zu entwickeln? Schnapp Diir schon mal Muttis Schürze, denn wir machen uns jetzt gemeinsam auf den Weg in die Küche!

Die Zutaten
Wie schon erwähnt gibt es viele Zutaten, aber hier werden wir uns auf die Hauptbestandteile – sozusagen das Grundrezept – konzentrieren:
1) Die Figuren
2) Die Handlung
3) Die Struktur
4) Die Gattung
5) Die Aussage Deiner Geschichte
Wir werden uns alle Zutaten im Laufe dieses Workshops genauer anschauen und verdeutlichen, wie man sie am besten ausarbeiten kann, damit eine Geschichte so gut wie möglich erzählt wird. Und wir werden den ganzen Arbeitsvorgang des Schreibens Schritt für Schritt durchgehen. Aber zuerst müssen wir einen letzten, sehr bedeutenden Aspekt der Erzählkunst besprechen ...
 
Die geheime Zutat
Der Kern einer guten Geschichte ist das Kreieren von originellen, interessanten Figuren, mit denen der Leser sich identifizieren kann. Ebenfalls sehr wichtig ist eine Handlung, die ihn mit jeder Wendung überrascht, aber nicht so unerwartet ist, dass der Leser denkt »Das ist doch lächerlich!«. Das zu erzielen, ist gleichzeitig eine Kunst und eine Wissenschaft. Das heißt, dass man es zwar lernen kann, aber auch, dass dazu das »gewisse Etwas« gehört, das sich nur schwer bestimmen lässt. Aber wo findet man diese sogenannte Kunst? In der wichtigsten Zutat, die nur in Dir selbst zu finden ist: Deine Leidenschaft, eine Geschichte zu erzählen! Aus diesem Grund solltest Du Dir überlegen, ob Du Deine Geschichte wirklich erzählen willst, bevor Du auch nur ein einziges Wort zu Papier bringst. Nein, nicht nur dass Du es willst, sondern dass Du es musst! Dass Dir diese Geschichte so wichtig ist, dass Du gar keine Wahl hast, als sie zu erzählen!
Jetzt überlege, warum sie Dir so wichtig ist. Was ist an dieser Geschichte so besonders, dass Du sie der Welt erzählen willst? Dass die Liebe alles überwindet? Dass Verbrechen sich nicht auszahlen? Wenn Du das weißt, hast Du die Aussage Deiner Geschichte. Es ist oft sehr schwierig, die Aussage einer Geschichte zu erkennen und in Worte zu fassen. Du wirst bestimmt auch mal denken "Meine Geschichte hat keine Aussage, es ist einfach eine Geschichte!" Aber das ist nicht wahr. Schon allein, dass Du eine Geschichte schreiben willst, ist der Beweis, dass Du der Welt etwas sagen willst. Es kann auch eine schwammige Aussage sein, wie in "A Kiss from the Dark", wo es um Vertrauen geht. Man entdeckt die Aussage manchmal auch erst während des Arbeitsvorgangs, doch dazu später mehr…

Deine Figuren

Lies Dein Lieblings-Manga noch einmal. Was genau reizt Dich an ihm, außer der tollen Geschichte und den Figuren? Versuche zu erkennen, was die Aussage der Story ist. Da Dir diese Geschichte so gut gefällt, kann es sein, dass die Aussage des Manga der Aussage Deiner Geschichte etwas ähnelt.  
 

Freunde Dich an!
Als Anfänger wirst Du Deine Figuren und die Handlung gleichzeitig entwickeln. Je weiter Deine Geschichte voranschreitet, desto besser wirst Du Deine Figuren kennenlernen. Deine Figuren sind wie echte Menschen, bei denen man Zeit und Gelegenheiten braucht, um ihre Handlungsweisen wirklich zu verstehen. Und Du musst sie verstehen, weil es wichtig ist, dass ihre Entscheidungen glaubwürdig sind. Sie dürfen keine Entscheidungen treffen, nur weil diese gut in Deine Geschichte passen.

Am besten fängt man mit einem übersichtlichen Schaubild der Beziehungen zwischen den Figuren an. Hier ist meine von "A Kiss from the Dark" (das ich leider zensieren musste, damit ich nicht zu viel von der Geschichte verrate. ^_^):
 

 

Sei stalkermäßig
1. Name
2. Alter
3. Aussehen
4. Lieblingsessen/-musik/-film
5. Lieblingskleidungsstück
6. Größte Angst
7. Was ist das erste, was einem auffällt, wenn er/sie einen Raum betritt?
8. Was ist seine/ihre glücklichste Erinnerung?
9. Was ist seine/ihre unglücklichste Erinnerung?

 

Tratsche etwas über sie
Nun stell Dir vor, dass Du Diesen Menschen im wahren Leben kennst. Wie würdest Du ihn beschreiben?
So würde ich Katie aus "A Kiss from the Dark" beschreiben: "Sie ist hübsch, hat dunkle Haare und Sinn für Humor. Katie ist bei fast allen Schülern bekann und beliebt. Sie ist intelligent und willensstark. Aber ich habe den Eindruck, dass sie etwas einsam ist. Außer einem Mädchen, Sarah, hat sie eigentlich keine Freunde. Sie hält alle auf Abstand, als ob sie niemandem vertraut. Ich bin mir auch nicht sicher, ob sie wirklich mit Sarah befreundet ist. Sarah ist ein sehr "einfacher" Mensch, und eigentlich passen die beiden als Freundinnen nicht zusammen. Es kann sein, dass Katie nur mit ihr befreundet ist, weil Sarah nicht so viel von ihr fordert. Ich glaube, dass Katie wirklich ein Problem hat, Leuten zu vertrauen."
 
Raus damit!

Jetzt steck die angefertigten Steckbriefe erst mal in eine Schublade und beginn, die Handlung Deiner Geschichte auf einer Seite zusammenzufassen. Das nennt sich »Entwurf« und ist für die Entwicklung Deiner Geschichte sehr nützlich. Entspann Dich und schreib einfach die Handlung auf, so wie Du sie Dir vorstellst.

Zerlege sie in drei Teile: den Anfang, die Mitte und das Ende. Lass dabei alle lustigen Witze und tollen Kleinigkeiten, die Du Dir schon ausgedacht hast, weg. In einem Entwurf geht es lediglich um die wichtigsten Aspekte der Handlung. Es ist gar nicht so einfach, eine Handlung auf nur einer Seite festzuhalten. Aber keine Angst, das hier ist nicht die endgültige Version. Also hau in die Tasten und hab viel Spaß beim Schreiben!
 
 
Eine Reise voller Entdeckungen

Wenn Du damit fertig bist, nimm die Steckbriefe wieder aus der Schublade und lies sie Dir ein zweites Mal durch. Schau Dir die Entscheidungen, die Deine Figuren in dem Entwurf treffen, genau an, und frage Dich, ob sie zu den Charaktereigenschaften Deiner Figuren passen. Oft fällt einem hier etwas an den Figuren auf, das man früher nicht bemerkt hat. Als ich den ersten Entwurf von "A Kiss from the Dark" geschrieben habe, hatte ich Probleme bei der Liebesgeschichte zwischen Katie und Seth. Ich habe die beiden zusammengebracht, aber dann wusste ich nicht, wie ich ihre Beziehung weiterentwickeln soll. Alles, was ich geschrieben habe, war oberflächlich und nicht auf ihre Charaktereigenschaften bezogen. Ich habe Katies Steckbrief noch einmal gelesen und festgestellt, dass sie große Probleme hat, Leuten zu vertrauen, weil ihr Vater sie verlassen hat, als sie sehr jung war. Ich wusste dann, dass das Hindernis zwischen Katie und Seth in ihrem Problem zu vertrauen liegen muss. Durch diese Erkenntnis habe ich auch die Aussage meiner Geschichte entdeckt.

Die Entwicklung Deiner Figuren benötigt viel Sorgfalt und kann frustrierend sein, aber sie sorgt für eine solide Grundlage Deiner Geschichte.

Geschichte

Wie im wahren Leben hat jeder Ziele, die er erreichen will. Die Ziele, die uns bewusst sind, heißen "äußere Ziele". Ein Teil des Dramas einer Geschichte entsteht aus dem Zielkonflikt zwischen unterschiedlichen Figuren. Ein Beispiel: Du willst heute Abend ausgehen, aber Deine Eltern oder Dein Partner wollen, dass Du zu Hause bleibst. Ihr habt also einen Zielkonflikt. Dein Auftrag als Schriftsteller ist es, die Standpunkte von allen Figuren zu verstehen und so zu nutzen, dass Du möglichst viel Drama daraus kreieren kannst.
 
Das "innere Ziel" ist ein Ziel, das unbewusst ist. Dieses Ziel sorgt auch für viel Drama, am meisten innerhalb der Figur selbst, besonders wenn es einen Zielkonflikt zwischen dem inneren und dem äußeren Ziel gibt. Zum Beispiel Yoshitaka in Judith Parks "Y Square": Sein äußeres Ziel ist, dass er eine Freundin bzw. Sex haben will. Er glaubt, dass er sich sehr arrogant und wie ein "Aufreißer" benehmen muss, um das zu erreichen. Aber sein inneres Ziel lautet, die wahre Liebe zu finden. Jemanden, dem er vertrauen und dem er sein wahres Ich preisgeben kann. Es gibt also einem Zielkonflikt zwischen seiner arroganten und seiner sensiblen Seite. Erst am Ende des zweiten Bands, nach vielen Missverständnissen und Hindernissen, die aus den unterschiedlichen Zielkonflikten entstanden sind, lernt Yoshitaka endlich, dass Ju-Jin das Mädchen ist, nach dem er sucht, und erreicht somit sein inneres Ziel.
 
Ab durch die Ziellinie
Auch Deine Hauptfigur (und auch die anderen Figuren, wenn Du es hinbekommst) sollten im Laufe der Geschichte etwas dazulernen. Diese Reise nennt man eine "persönliche Reise", und sie hilft Dir, die Struktur Deiner Geschichte zu bilden. Überlege, welches die äußeren Ziele Deiner Figuren sind. Was wollen sie erreichen? Die Welt erobern? Sich rächen? Mangaka werden? Freunde finden? Jetzt, da Du ihre Ziele kennst, wirst Du langsam viele Möglichkeiten für Zielkonflikte zwischen ihnen sehen.

Jetzt denk nur an Deine Hauptfigur. Du weißt jetzt, was ihr äußeres Ziel ist. Aber was ist das echte, unbewusste Ziel, das sie erreichen will? Yoshitaka wollte nie nur oberflächlichen Sex haben, es war nur viel leichter das zu wollen, als sich die Wahrheit einzugestehen: sich zu öffnen und das Risiko einzugehen, von jemandem verletzt zu werden. Wenn Du das innere Ziel Deiner Hauptfigur kennst, wirst Du auch wissen, was sie schlussendlich erreichen soll (Die Figur kann auf ihrem Weg natürlich auch scheitern – das ist Deine Entscheidung).
 
Eine persönliche Reise

Wir sind jetzt so weit gekommen, dass wir eine vereinfachte Definition einer Handlung bestimmen können: Eine Hauptfigur hat ein bewusstes äußeres Ziel, das sie erreichen will. Andere Figuren haben teilweise völlig gegensätzliche Ziele, die ein Hindernis für die Hauptfigur darstellen. Deine Hauptfigur muss diese Hindernisse überwinden. Aber jedes Mal, wenn sie das schafft, entsteht ein weiteres Hindernis. Mit der Handlung werden die Hindernisse immer größer und bedeutender. Das Finale Deiner Geschichte besteht aus dem letzten und größten Hindernis, das die Hauptfigur überwinden muss, um ihr Ziel zu erreichen. Auf dem Weg dahin gibt es nicht nur Zielkonflikte mit anderen Figuren, sondern auch mit sich selbst, nämlich den Zielkonflikt zwischen dem äußeren Ziel und dem unbewussten inneren Ziel. Dabei lernt sie, was ihr inneres Ziel ist und so vollendet sie ihre persönliche Reise.

Übung macht den Autor
Klingt etwas schwammig? Ist es auch! Vergiss nie, dass alles, was wir hier besprechen, nur Wegweiser sind, die Dir helfen sollen, Deine Geschichte zu entwickeln. Und hab keine Angst, wenn diese Ratschläge Dich zunächst etwas überfordern. Es ist nur eine Frage der Übung. Je mehr Du übst, desto besser wirst Du es langsam verstehen. Aber jetzt setzen wir das hier alles in die Tat um und schreiben eine "Step Outline" unserer Handlung auf.
 
Step Outline

Nimm Dir ein leeres Blatt und schreibe den Namen Deiner Geschichte ganz oben hin. Ich plane eine Geschichte lieber per Hand. Für mich ist es die beste Art, meine Gedanken fließen zu lassen. Jetzt liste die Ereignisse Deiner Geschichte auf. Ein Beispiel aus "A Kiss from the Dark":
1. Katie gewinnt die Wahl zur Schulsprecherin. (Führt Katie ein. Zeigt ihre Charaktereigenschaften.)
2. Sarah schenkt Katie ein Fotoalbum und eine CD zum Geburtstag. Will Party planen, aber Katie lehnt ab. (Führt Katie und Sarahs Beziehung ein. Entwickelt Katies Charaktereigenschaften weiter.)
3. Steve spricht Katie an. Ist nett, aber Katie ist skeptisch und patzig. Sarah scheint aber sehr begeistert von ihm zu sein. (Führt die Beziehungen zwischen Katie/Steve/Sarah ein.)
4. Katie vergisst das Fotoalbum in der Aula. Als sie es holt, sieht sie Seths Angriff auf Mr Castle. (Führt Seth ein. Zielkonflikt. Das Ereignis, das Katie auf ihr "Abenteuer" schickt und den Grund für viele Hindernisse darstellt, die sie später überwinden muss.)
5. Katie versucht Seth aufzuhalten, aber niemand anderes sieht ihn. (Ein Hindernis, das Katie überwinden muss. Führt die Welt der Schattenvölker ein.)
6. Katie erzählt der Polizei von Seth, aber die Officer scheinen ihr nicht zu glauben. (Ein Hindernis, das Katie überwinden muss.)
7. Auf dem Weg nach Hause wird Katie von einem Kobold angegriffen. Seth rettet sie und verschwindet anschließend. (Entwickelt die Welt der Schattenvölker weiter. Zeigt eine andere Seite von Seth, entwickelt seine Charaktereigenschaften.)
8. Polizei scheint Katie immer weniger Glauben zu schenken. (Hindernis wird größer.)  
 
Wie Du siehst, wird es eine lange Liste, aber so baut man Stück für Stück seine Geschichte auf. Ich habe hier den Zweck jeder Szene daneben geschrieben, um meine Gedanken hinter jeder Szene zu erklären. Du solltest Dich immer auch fragen: "Zu welchem Zweck brauche ich diese Szene?" Wenn Dir nichts einfällt, solltest Du Dir wirklich überlegen, ob Du sie brauchst oder wie Du sie ändern kannst, damit sie Deine Geschichte weiterbringt. Du kennst bestimmt Geschichten, die teilweise langweilig sind. Es gibt zwei Gründe dafür: Entweder ist die Geschichte nicht nach Deinem Geschmack oder die entsprechende Szene ist überflüssig.
 
Originalität

Du solltest immer darauf achten, dass Deine Handlung Originalität besitzt. Wir haben alle so viele Manga, Filme und Bücher gelesen und gesehen, dass wir alle eine Geschichte schreiben könnten, die wir irgendwie schon hundertmal gelesen haben. Das Schlüsselwort hier ist "Das Unerwartete". Gerade weil wir so viele Manga, Filme und Bücher gesehen und gelesen haben, ist die  Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass die erste Idee, die uns einfällt, nichts Neues ist. Versuche, jeden Wendepunkt ganz unerwartet einzuarbeiten. Frage Dich ständig: "Was würde niemand an dieser Stelle erwarten?" Es muss natürlich glaubhaft sein, aber probiere unterschiedliche Möglichkeiten, bis Du damit glücklich bist.     
 
Das Genre
Das Genre Deiner Geschichte spielt eine große Rolle: Romance, Horror, Thriller, Fantasy usw. Im Laufe der Jahre haben sich alle Gattungen verändert, weil Schriftsteller ihre Geschichten immer aktuell halten wollen. In den letzten Jahren haben wir beispielsweise viele neue Ideen von Vampirgeschichten gesehen: Blutpillen in "Vampire Knight", Vampire, die tagsüber ausgehen können, in "Biss", Vampire mit Gewissen in "Buffy" und davor in "Interview mit einem Vampir". Wenn Schriftsteller ihre Gattungen nicht ständig neu erfinden würden, würden ihre Geschichten langweilig werden und aussterben. Und das Erfinden einer neuen Gattung kann sich wiederum für den Schriftsteller als sehr erfolgversprechend herausstellen! ^_-

Perspektive

Je überraschender Du den Wendepunkt Deiner Geschichte platzierst, desto mehr schlägst Du die Leser Deiner Geschichte in Deinen Bann.

 

Eine andere Perspektive
Schau Deine "Step Outline" noch mal an. Dort hast Du sicher schon den Anfang einer parallelen Handlung. Bei "A Kiss from the Dark" ist es die Beziehung zwischen Katie, Sarah und Steve. Wenn Du Deine parallele Handlung erkannt hast, entwickele sie genauso, wie Du die Hauptgeschichte entwickelt hast. Aber pass auf, dass sie die zweite Geschichte bleibt und die Hauptgeschichte nicht überholt. Sie soll den Haupthandlungsstrang unterstützen und der Aussage der Geschichte eine andere Perspektive verleihen.

Weil "A Kiss from the Dark" eine Fantasygeschichte ist, bietet die parallele Handlung, die in der echten Welt fest verankert ist, einen starken Gegensatz zu der Hauptgeschichte. Aber sie handelt ebenfalls von Vertrauen und gibt so der Aussage der Geschichte einen neuen Blickwinkel.

In vielen Filmen ist die zweite Geschichte einfach eine Liebesgeschichte. Der Held versucht die Welt zu retten und wird von einer weiblichen Gefährtin unterstützt. Am Anfang können sie sich nicht leiden, aber während sie die Welt retten, verlieben sie sich ineinander.

Kapitel

Eine zweite Geschichte erlaubt es, zwischen beiden Geschichten hin und her zu wechseln. Besonders nach einem sehr aufregenden Ereignis in der Hauptgeschichte ist es günstig, in die zweite Geschichte zu wechseln, um dem Leser eine Pause zu gönnen.

 

Besonderheiten beim Manga
Bevor wir an dem Skript für Deine Geschichte arbeiten können, müssen wir die episodische Erzählweise eines Manga besprechen. Wie Du inzwischen weißt, gibt es bei einer Geschichte einen Anfang, eine Mitte und ein Ende. Und das trifft auch auf die einzelnen Kapitel zu. Das heißt, dass jedes Kapitel wie eine einzelne Geschichte strukturiert sein sollte. Das gibt dem Leser ein Gefühl der Zufriedenheit, weil er eine kleine Reise innerhalb der größeren Reise genießen kann. Zudem gibt es am Ende eines Kapitels ein Finale, das eine Frage löst, aber gleichzeitig eine neue Frage stellt und so die Geschichte voranbringt.
 
Wenn ich an einem Kapitel arbeite, plane ich es zuerst in einer solchen Tabelle (Beispiel aus Chapter 4 von "A Kiss from the Dark"):

 



 

Reicht der Platz?
Es wäre zu viel, alle Einzelheiten hier zu zeigen, aber wie Du sehen kannst, habe ich das Kapitel in Szenen aufgeteilt und die entsprechenden Handlungspunkte aufgelistet. Die Tabelle hilft nicht nur, Dein Kapitel zu strukturieren, sondern auch zu sehen, ob es genug Platz gibt. Ein Manga-Kapitel umfasst in der Regel etwa 30 Seiten. Kapitel 4 von "A Kiss from the Dark" ist relativ kurz, aber manchmal, wenn man alle Handlungspunkte aufgelistet hat, kommt die Befürchtung, ob man auch wirklich alles in 30 Seiten hineingepackt bekommt. Das kann aber auch von Vorteil sein, weil es Dich dazu zwingt zu überlegen, wie Du Deine Geschichte kürzer und damit meistens auch besser machen kannst! Die besten Geschichten erzählen viel mit wenigen Worten.

Schreibprozess

Lesen und lernen
Es gibt zahlreiche Bücher, die seitenlang beschreiben, wie man eine Geschichte schreiben kann. Alles, was wir schon besprochen haben, konnte ich nur grob darstellen und ich musste viel weglassen. Aber das alles sind die Bausteine einer Geschichte. Jetzt, da Du weißt, wie man mit ihnen arbeiten muss, wirst Du sie langsam in den Manga, Filmen und Büchern, die Du liest und anschaust, wiederfinden. Du wirst allmählich sehen, wie andere Schriftsteller mit diesen "Werkzeugen" arbeiten. Wie sie diese nutzen, um ihre Geschichten zu erzählen, wie sie Erwartungen täuschen, wie sie originelle Figuren schaffen, wie sie die Gattung der Geschichte ändern und erfrischen, wie sie die Aussage der Geschichte darstellen. Und wie sie durch die Handlungen der Figuren die Geschichte Schritt für Schritt zu einem aufregenden Finale aufbauen.
 
Vergiss Deine Figuren nicht
Wenn Du selbst übst zu schreiben, wirst Du Dich am Anfang womöglich zu stark auf die Struktur Deiner Geschichte konzentrieren, was der Geschichte schaden könnte. Das ist aber völlig normal. Je mehr Du übst, desto mehr wirst Du das alles verinnerlichen und es unbewusst langsam verwirklichen. Aber es gibt etwas, dass Du nie vergessen darfst: Heutzutage wird auf Kosten der Figuren häufig zu viel Wert auf die Struktur der Handlung gelegt. Geschichten sind immer auch Entdeckungsreisen, sowohl was die Handlung als auch die Figuren betrifft. Genau wie eine gut ausgedachte und ausgearbeitete Handlung unbedingt nötig ist, so ist auch die Entwicklung der Figuren in der Geschichte sehr wichtig.

Wenn Du einen neuen Freund oder neue Freundin hast, willst Du alles über ihn oder sie erfahren. Ihr sprecht stundenlang und erzählt Euch Eure Lebensgeschichten. Und genauso ist es bei den Figuren einer Geschichte, aber hier kannst Du nicht direkt mit ihnen sprechen, Du kannst nur zuschauen und sehen, wie sie auf unterschiedliche Umstände reagieren. Wie sie reagieren, sagt etwas über sie aus und umso lebensbedrohender oder bedeutender die Situation ist, desto tiefgreifender sind ihre Reaktionen.
 
Immer wieder überraschend

So wie Du mehr und mehr über Deinen neuen Freund oder Deine Freundin erfahren willst, will man immer mehr über die Figuren einer Geschichte erfahren. Wenn wir eine Figur am Anfang einer Geschichte kennenlernen und dann nichts mehr über sie erfahren würden, wäre das ziemlich langweilig. Das ist genau das Problem mit vielen Geschichten heutzutage: Die Figuren sind oberflächlich und berechenbar. Du musst im Laufe der Geschichte die Vielschichtigkeit Deiner Figuren enthüllen. Zeig uns, wie sie in verschiedenen Situationen reagieren, damit wir mehr über sie erfahren können und damit wir langsam verstehen können, wer sie wirklich sind. Am besten ist es, wenn unser Eindruck, den wir am Ende der Geschichte von ihnen haben, sich von unserer Meinung, die wir am Anfang über sie hatten, unterscheidet. Zum Beispiel: Es gibt eine Cheerleaderin, die den Eindruck macht, dass sie nett, aber etwas einfach gestrickt ist. Im Laufe der Geschichte entdecken wir jedoch, dass sie gar nicht so naiv ist. Sie macht nur diesen Eindruck, um sich in der Schule besser anzupassen. Den wahren Grund ihres Verhaltens erfahren wir zum Ende der Geschichte.

 

Das wahre Gesicht
Und dann im Finale erfahren wir, was für die Figur auf dem Spiel steht. Das ist wichtig für das Ende der Geschichte. Das Finale ist der Moment der Geschichte, in dem die Hauptfigur das größte Hindernis überwinden muss und am meisten verlieren kann. Der Grund, warum unsere Cheerleaderin Angst hat, ihr wahres Gesicht zu zeigen, ist, dass sie denkt, dass niemand ihr wahres Ich mögen würde. Und so muss sie beim Finale, um ihr Ziel zu erreichen, ihr wahres Ich zeigen, und das Risiko eingehen, dass ihre schlimmsten Befürchtungen wahr werden können. Das ist es, was für sie auf dem Spiel steht. Dadurch erreicht sie ihr äußeres und zugleich ihr inneres Ziel.
 
Durstig?
Wer mehr über das Schreiben und Entwickeln von tollen Geschichten lesen möchte, dem kann ich folgende Bücher ans Herz legen: "Story: Die Prinzipien des Drehbuchschreibens" von Robert McKee und "Comics richtig lesen" von Scott McCloud. Das erste bietet einen ausführlichen Überblick über die Prinzipien des Geschichtenerzählens und das zweite einen sehr interessanten Blick auf die visuelle Sprache von Comics bzw. Manga.
Viel Spaß und viel Glück beim Schreiben!
Dein Michael