Nach oben
Lieferung ab 1-3 Werktagen in Deutschland
Gratis-Versand ab 5,01 €
Vorbestellung möglich
Master Card
VISA
EC-Karte
Sofortüberweisung
PayPal

Inking Tutorial - Feder und Tusche

 

 

Feder und Tusche. Das klingt altmodisch. Altmodisch, umständlich und vielleicht sogar etwas einschüchternd. Immerhin ist das Ganze eine ziemlich klecksige, manchmal sogar nasse Angelegenheit und die Gefahr, eine Illustration, oder gar eine ganze Mangaseite für immer zu versauen, wirkt überwältigend. Heutzutage gibt es doch viel einfachere, bequemere Methoden, um professionelle Lines zu ziehen, oder? Ja. Niemand MUSS Feder und Tusche verwenden, um ein professionelles Ergebnis zu erzielen. Erlaubt ist JEDES Werkzeug, das im Druck reproduzierbar ist und mit dem ihr euch wohlfühlt. Das können Fineliner sein, technische Tuschestifte (z.B. Rapidographen), Pinselstifte, Schreib- oder Zeichenfüller oder sogar Kugelschreiber. Alles ist erlaubt, nichts verboten.

Das einzige, was am Ende wirklich zählt, ist das Ergebnis. Dennoch verfügen Feder und Tusche über gewisse Qualitäten, die ich im Laufe der Jahre sehr zu schätzen gelernt habe und ich möchte interessierte Zeichner zumindest dazu einladen, es einmal mit Feder und Tusche zu probieren. Nach einer gewissen (manchmal auch extreme Wutanfälle provozierenden XD) Eingewöhnungszeit, eröffnet der Klassiker unter den Comicwerkzeugen ungeahnte Vorteile!

 

Vorteil Nr. 1: Scharfe, saubere, tiefschwarze Linien. Es ist überraschend schwer, mit Finelinern wirklich scharfe, im Scan nicht ausgefranst wirkende Linien zu ziehen. Natürlich ist es nicht unmöglich und viele professionelle Zeichner bevorzugen Fineliner über Federn, aber der einfachste Weg zu einem sauberen Lineart, führt meiner Meinung nach über die Nutzung einer Feder. Wer sich schon einmal einen Pullover mit einem Klecks Tusche versaut hat, weiß, wie schwarz Tusche ist. Schwärzer als schwarz. Und genau hier liegt der Vorteil gegenüber der Arbeit mit Finelinern, welche dazu neigen, besonders nach dem Radieren, an Schwärze einzubüßen. Radiert man über Tusche, bleiben die Linien in den meisten Fällen schwarz und messerscharf.

Vorteil Nr. 2: Flexibilität im Lineart. Wer ein dynamisches Lineart mit unterschiedlich dicken Outlines bevorzugt, kommt bei der Verwendung von Feder und Tusche genauso auf seine Kosten, wie Verfechter gleichmäßig dicker Linien. Für jeden Verwendungszweck gibt es die richtige Feder und der gewünschte Effekt kann mit etwas Übung schnell erzeugt werden.

Vorteil Nr. 3: Speed, Speed, Speed! Für mich persönlich ist die Geschwindigkeit, mit der gearbeitet werden kann, das größte Argument für die Verwendung einer Feder. Während Fineliner schnell ausfransen und brüchige Linien produzieren, wenn man die Linien zu schnell zieht, macht die Feder auch ein wirklich schnelles Arbeitstempo zuverlässig mit. Klar, man muss zwischendurch immer mal wieder „tunken“, um Tusche nachzutanken und auch die Feder kurz abwischen, wenn sich Papierfasern in ihrer Spitze verheddert haben, aber daran gewöhnt man sich schnell. :)

 

Welche Federn gibt es und welche ist die Richtige für mich?

Im Laufe der Zeit habe ich meine persönlichen Lieblingsfedern gefunden: Und zwar den G-Pen, welche die bei Mangazeichnern wohl am häufigsten verwendete Feder ist, in Kombination mit dem sog. „Maru PEN“, einer kleinen, sehr dünnen, rohrartig geformten Feder, die viel Tusche aufnimmt und wahnsinnig feine Linien erzeugt. Daher werde ich auch diese beiden Federn in diesem Tutorial nutzen! Es gibt aber noch einige andere Modelle und besonders am Anfang rate ich dazu, ein ganzes Set mit verschiedenen Spitzen zu bestellen und damit zu experimentieren. Jeder Zeichner bevorzugt ein anderes Werkzeug und nur durch Probieren findet ihr euren Favoriten. Testet ruhig auch europäische Federn! Vielleicht sagen euch diese mehr zu, als die japanischen. Mit der Zeit findet ihr heraus, was am besten zu euch passt.

Hier ein kleiner Überblick über die am häufigsten in Japan verwendeten Federn und ihre Eigenschaften:

G-Pen: Eine sehr flexible Feder. Mit etwas Übung lassen sich sowohl dicke, als auch sehr feine Linien erzeugen. Besonders geeignet, um organische Dinge zu zeichnen, wie Menschen, Vegetation, etc, aber auch prima, um scharfe, spitz zulaufende Speedlines zu ziehen :) Achtung: Der Umgang verlangt viel Übung - ich empfehle, vor dem G-PEN den sog. Saji Pen auszuprobieren.

Saji-Pen: Der Saji Pen ist die ideale Feder für Feder-Anfänger oder für Zeichner, welche ein stabiles Artwork mit weniger Linienvariation bevorzugen. Mit dem Saji lassen sich gleichmäßig dicke, eher feine Linien ziehen. Mit etwas Druck kann man die Linien leicht variieren, aber insgesamt ist der Saji-Pen viel härter, als der G-Pen. Besonders empfehlenswert ist diese Feder für unbelebte Objekte, wie Architektur und Gegenstände des täglichen Lebens oder für Zeichner, deren Stil auf einer konsistenten Linienbreite aufbaut.

School-Pen: der School-Pen ist so ein Mittelding zwischen Saji-Pen und G-Pen. Er ist eher mittelmäßig flexibel und eine gute Alternative für alle, die den Saji-Pen zu hart und den G-Pen zu weich finden.

Maru-Pen: Der Maru Pen ist eine sehr dünne Rohrfeder, welche eine Menge Tinte aufnehmen kann und haarfeine Linien erzeugt. Besonders beliebt ist der Maru-Pen bei Shojo-Zeichnern, weil man mit seiner Hilfe ultra feine Details darstellen kann. Dünner ist meiner Meinung nach nur noch ein Rapidograph (welche ich aber nicht so gerne mag, weil die ganz dünnen Modelle schnell mal kaputt gehen, wenn sie runter fallen, oder schnell verstopfen. :( Außerdem kann man mit Rapidographen gar nicht so „rapide“ arbeiten, wie es der Name suggeriert XD). Ich nutze den Maru-Pen hauptsächlich, um super feine Schraffuren zu gestalten und für Details wie Kleiderfalten und Haarsträhnen.

 

Zubehör

Federn alleine nutzen nichts, ohne das richtige Papier und gute Tusche. Nicht jedes Papier eignet sich für die Arbeit mit der Feder. Auf normalem Druckerpapier lässt es sich eine Weile lang ganz „okay“ inken, aber besonders der Maru-Pen neigt dazu, sich in den Fasern des Papiers zu verheddern, was nervig ist, weil man die Arbeit immer wieder unterbrechen muss, um Papierfasern aus der Feder zu ziehen. :( Für die Arbeit mit Tusche und Feder empfiehlt sich etwas dickeres Papier mit einer glatten Oberfläche. Z.B. Zeichenkarton, Kent-Paper, Bristol Paper, oder - Achtung Geheimtipp für Sparfüchse - Farblaser-Papier, welches eine glatte Oberfläche besitzt und recht günstig zu haben ist. Bei der Wahl der Tusche sollte man vor allem darauf achten, ob das Ergebnis wasserfest sein muss (um es anschließend mit Aquarell oder Copics colorieren zu können, ohne alles zu verschmieren), oder ob andere Eigenschaften wichtiger sind (z.B. Eine etwas wässrigere Beschaffenheit, um mit der sehr dünnen Maru-Feder flüssiger arbeiten zu können). Meine Lieblingstusche für die Arbeit an Mangaseiten ist die Nr. 5 von Deleter, welche etwas modrig riecht, aber wunderbar flüssige Linien produziert. Viele Mangazeichner sind auch Fans der aus Bakuman bekannten „Pilot“ Tusche, die ich ebenfalls ziemlich genial finde. :) G-Pen und Saji Pen passen meistens in europäische Federhalter. Für den Maru-Pen braucht ihr jedoch einen japanischen Federhalter, da der Durchmesser der Feder zu schmal für hierzulande erhältliche Halter ist. 

 

Lebensdauer und Pflege

Es mag überraschen, aber je nach Zeichenstil, Detailgrad der Arbeit oder auch Druck beim Zeichnen, nutzen sich Federn mehr oder weniger schnell ab und müssen dann gewechselt werden. Das heißt, so eine Feder hat man nicht „für immer“. Nach einer gewissen Nutzungsdauer lässt beim G-Pen z.B. die Elastizität nach und die Linien werden immer dicker und lassen sich weniger variieren. Der Maru-Pen hingegen wird immer kratziger und produziert vermehrt unscharfe Linien. Wenn ihr diese Symptome bemerkt, ist es Zeit für einen Federwechsel. Wie lang ein Zeichner mit einer Feder auskommt, ist eine sehr individuelle Sache. Bei der Arbeit an Personal Paradise gehen pro Band aber sicher ca. 50 G-Pen und über 100 Maru-Pen drauf, weil ich extrem heikel bin, was Linienstärke und Schärfe angeht. ACHTUNG: Federn, frisch aus der Verpackung, sind meist mit einer speziellen Beschichtung imprägniert, sodass die Tusche nicht gut an ihnen haftet, oder sogar abperlt. So kann es passieren, dass eine ganz neue Feder erst mal einen ekligen Klecks produziert. Um das zu verhindern, könnt ihr die Feder vor dem ersten Gebrauch kurz unter die Flamme eines Feuerzeugs halten, oder in Wasser tunken und ausgiebig mit Küchenrolle abrubbeln. :) Küchenrolle ist übrigens mein Lieblingsmaterial, um die Feder auch während der Arbeit immer mal wieder zu reinigen. Dazu tunkt man die Feder kurz in ein Wasserglas und wischt sie mit Küchenkrepp ab. Gut geeignet ist auch ein Haushaltstuch, oder ein altes Küchentuch. Taschentücher und Klopapier sind zu fasrig und daher nicht so gut geeignet. Die Feder muss während der Arbeit immer mal wieder gereinigt werden, wenn sich Papierfasern in der Spitze verfangen haben, oder etwas Tusche angetrocknet ist. Wenn man mit dem Tuschen fertig ist, sollte man die Feder auf jeden Fall auch gründlich abwischen, sonst wird sie durch angetrocknete Tuschereste viel schneller unbrauchbar.

 

Handhabung

Bei der Arbeit mit Feder und Tusche gibt es einige „Regeln“ zu beachten: Rechtshänder tuschen eine Zeichnung von links nach rechts, Linkshänder von rechts nach links. Warum? Je nach Dicke der Linien dauert es eine Weile, bis die Zeichnung „trocken“ ist. Um die Arbeit nicht versehentlich mit dem Handrücken zu verwischen, sollte man also besser systematisch und geplant vorgehen. :) Dauert das Trocknen zu lange, kann man versuchen, mit einer Rolle Küchenpapier vorsichtig über die Zeichnung zu rollen, um überschüssige Tusche loszuwerden. Manchmal hilft auch ein Fön. Aber aufgepasst: Wenn man der Zeichnung mit dem Gerät zu nahe kommt, kann es auch passieren, dass die Tusche die Flucht ergreift. Etwas Abstand verhindert unschöne Unfälle. =) Wollt ihr mit Feder und Lineal arbeiten, um z.B. Speedlines zu ziehen, so benötigt ihr ein Lineal mit Tuscherand, damit die Tusche nicht unter‘s Lineal läuft, was hässliche Flecken verursacht. Es empfiehlt sich, die Arbeit mit dem Lineal auf einem extra Blatt zu üben, weil das meiner Meinung nach eine Technik für Fortgeschrittene ist (ich hab ewig gebraucht, bis ich den Dreh raus hatte!). Lange, gerade Linien zieht ihr am besten aus dem Ellenbogen heraus. Das Handgelenk bleibt dabei vollkommen steif und euer Blick ist auf den Punkt gerichtet, an dem die Linie enden soll. So vermeidet ihr zittrige, unsichere Linien. Dynamische Kurven, organische Linien und kleine Details werden hingegen aus dem Handgelenk gezogen.

Aufgepasst! Nicht „drücken“ oder „schieben“. Federn funktionieren nicht in jeder Richtung. Linien sollten bei Rechtshändern immer möglichst von links nach rechts (bei Linkshändern umgekehrt) und von oben nach unten gezogen werden - sonst verhakt sich die Feder im Papier. Am besten dreht ihr ihr eure Arbeit während des Inkens immer mal wieder, damit der Winkel passt. :)

 

Was tun, wenn doch einmal ein Malheur passiert?

Kommt drauf an! Ein Unfall bei einer Original-Illustration ist eine eher unschöne Sache. Einzige Rettung: Mit weißer Tusche oder Deckweiß korrigieren, das Original Einscannen und danach ausdrucken. Das original Lineart ist dann aber leider nicht mehr für die direkte Coloration geeignet. Tipp: Wenn ihr eure Skizze einscannt, sie mit einem Grafikbearbeitungsprogramm hellblau einfärbt, ausdruckt und dann darüber tuscht, spart ihr euch das Radieren. Beim Scannen von reinen schwarz-weiß Bildern, erkennt der Scanner nämlich die hellblauen Linien nicht! Und ihr habt ein Backup der Originalzeichnung, sollte beim Inken was schief gehen. Das beruhigt wirklich ungemein! XD Bei der Arbeit an einem Manga kann gern großzügig mit Deckweiß retuschiert werden, da es in dem Fall egal ist, wenn die Oberfläche des Originals nicht perfekt aussieht. Lasst die fehlerhafte Stelle aber auf jeden Fall lang genug trocknen, sonst artet die Korrektur schnell in ein schmieriges Massaker aus (ich spreche aus Erfahrung - manchmal bin ich etwas ungeduldig... ^^"). Tippex ist übrigens eher nicht empfehlenswert, da er nach dem Trocknen oft grau wird, oder bröckelt.

Im nächsten Teil dieses Tutorials lernen wir, welche Arten von Schraffuren und grafischen Techniken es gibt und wie man diese möglichst sauber umsetzt! =) 

 

Melanie Schober, geboren am 23.3.1985 im idyllischen Saalfelden (Österreich) zeichnet seit frühester Kindheit mit Begeisterung Comics und Comic-Figuren. Im zarten Alter von dreizehn Jahren wurde sie mit dem »Sailormoon-Virus« infiziert und widmet sich seither der japanischen Mangakunst.

 

Mehr zu Melanie und ihren Werken.

 

Schließen
Logo Harry Potter - 20 Years of magic

Tritt ein in die magische Welt von Harry Potter und lass Dich verzaubern!

Alohomora!