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Alles dreht sich

Alles dreht sich

 

Max will, dass wir die ganze Sache systematisch angehen und er sagt, es gibt Schlimmeres. Und irgendwie hat er Recht. Im Gegensatz zu Max weiß ich nur nicht, wie ich meinen Gehirntumor systematisch angehen soll. Allerdings bin ich auch nicht gestört und psychisch labil. Das ist Max‘ Privileg. Mit einer Liste fängt es an. Was man unbedingt noch tun muss, bevor man abkratzt. Und plötzlich sind wir mittendrin in unserer Aktion. Weil wir etwas Sinnvolles tun wollen, aufrütteln. Sogar Pia macht mit. Weil man nicht wegschauen darf. Das ist das Wichtigste. Mehr oder weniger. Jedenfalls gehört es zu den wichtigen Dingen. So wie Max und Pia.

"Mit einem Boot den Orinoko herunterfahren"

 

"Alles dreht sich" ist herrlich anarchisch und Ihre jugendlichen Figuren haben viel Power – genau deshalb sind sie so echt und glaubwürdig. Was bedeutet Jugend für Sie?

Jugend darf und soll kompromisslos und etwas anarchistisch sein. Man erwartet fast schon von Jugendlichen gegen die Regeln der Eltern zu revoltieren. Es ist ein Teil des Erwachsen-werdens. Für junge Menschen ist es noch in Ordnung Sturm zu laufen und sich nicht festzulegen. Später ist die Gesellschaft nicht mehr so tolerant.

Linda und Max, die beiden Figuren aus Ihrem Roman, erstellen eine Liste mit Dingen, die man unbedingt noch tun muss, „bevor man abkratzt“. Führen Sie auch so eine Liste und würden Sie uns drei Punkte verraten, die darauf stehen?

Ich bin kein Mensch, der so zielstrebig durchs Leben geht, dass er Punkt für Punkt eine Liste abarbeiten könnte. Ich lasse mich eher treiben. Dennoch finde ich die Idee gut. Ich kenne natürlich das Gefühl, Dinge nicht erledigt zu haben, für die es jetzt zu spät ist. Ich wünschte zum Beispiel, ich hätte während meines Studiums ein Auslandssemester eingeschoben. Das stelle ich mir spannend vor und bereue manchmal, dass ich die Gelegenheit nicht ergriffen habe. Vor zehn Jahren hätte ich mir aber zum Beispiel auch nicht vorstellen können, jemals ein Buch zu schreiben. Das ist mir gar nicht in den Sinn gekommen. Dennoch ist es jetzt so. Das finde ich toll. Und hätte ich eine Liste, würde heute auf ihr stehen: Ein Buch schreiben – mit einem dicken Haken dahinter. Was käme Unerledigtes auf meine Liste? Einmal die Sahara durchqueren. Mit einem Boot den Orinoko hinunterfahren, weil das Wort Orinoko so toll klingt. Ein Erdferkel streicheln. Lernen auf Finnisch zu zählen. Die Sprache klingt so skurril. Eine Mini-Origami-Ratte falten. Hab ich mal gesehen. Einfach erstaunlich. Mit einer Kreditkarte ein Schloss knacken. Schaut im Film immer so leicht aus. Zeit verschenken oder stehlen, je nachdem, wie man es sieht.

Die Protagonistin Linda hat Krebs, der Protagonist Max ist psychisch labil – dennoch ist "Alles dreht sich" ein Buch, das den Leser zwar anrührt und bewegt, aber nicht zutiefst betroffen macht. Wie ist es Ihnen gelungen, die Leichtigkeit in der Geschichte zu bewahren?

Die Krankheiten der beiden stehen für mich nicht im Mittelpunkt der Geschichte. Mir war es sehr wichtig nicht pathetisch zu werden. Es soll keine Geschichte über das Sterben sein, sondern über das Leben. Über den Unwillen sich als junger Mensch in eine Gesellschaft einzugliedern, die alles andere als ideal ist, die Regeln vorgibt und sie selber nicht befolgt. Der Tumor beziehungsweise die psychischen Probleme ermöglichen Linda und Max einfach sich gegen gesellschaftliche Normen aufzulehnen. Nach dem Motto: Was hab ich schon zu verlieren? Die Krankheit befreit die beiden davon, ständig an Konsequenzen zu denken. Konsequenzen und der Gedanke, dass man ja noch genug Zeit hat, hindern viele Menschen daran zu leben. Nicht darüber nachzudenken macht doch einiges leichter. Leider ist es ja bei den meisten Menschen immer noch so, und ich nehme mich da nicht aus dass man erst durch eine ernste Diagnose aus dem täglichen Trott gerissen wird. Dass man überhaupt einmal darüber nachdenkt, wie man sein Leben leben will.

Linda, Max und ihre Freundin Pia richten sich mit ihren Guerilla-Aktionen gegen eine Gesellschaft, die Menschen ausbeutet und die Umwelt zerstört. Warum glauben Sie, ist das ein Thema, das Jugendliche interessiert?

Ich denke, das Thema ist für alle interessant. Mit dem Alter sollte das nichts zu tun haben. Der Unterschied ist vielleicht, Jugendliche glauben (oder wissen) noch eher, dass man die Welt verbessern kann. Erwachsene leben meist ihr geregeltes Leben. „Was kann ich da schon machen?“ ist eine Frage, die man häufig als Antwort zu hören bekommt. Es ist aber die Jugend, die die Konsequenzen für unseren heutigen Lebensstil tragen wird. Also wird dieses Thema für sie interessant werden, ob sie wollen oder nicht.
Ich finde es auch immer belastender, dass praktisch alles, das man bei uns kaufen kann, auf Kosten anderer produziert wird. Das Gefühl, mir die Hände schmutzig zu machen, wenn ich ein T-Shirt oder Bananen kaufe, ist nicht gerade angenehm, um es mal vorsichtig auszudrücken. Vom Computer, auf dem ich schreibe, ganz zu schweigen. Wer hat die darin verarbeiteten Metalle, unter welchen Bedingungen gefördert? Wer hat das Ding zusammengeschraubt? Mit Arbeitspausen oder ohne und für welchen Lohn? Wo wird das Gerät landen, wenn es sich nicht mehr starten lässt? Ich möchte aber auch nicht in den Wald ziehen müssen, um dem Ganzen zu entgehen, und hoffe, dass unsere Gesellschaft irgendwann einen Weg finden wird, fairer miteinander umzugehen und künftigen Generationen mehr als verbrannte Erde zu hinterlassen.

Wie finden Sie Ihre Stoffe?

Ich komme an den unterschiedlichsten Orten auf Ideen. Beim Spazierengehen, Kaffeetrinken, Busfahren, Frühstücken, Einkaufen, Duschen, Fernsehen, Lesen … Anregungen finde ich eigentlich überall. Ich hab auch immer Block und Stift dabei, damit ich mir etwas notieren kann. Manches wird zu einer Geschichte, anderes verwerfe ich wieder. Der erste Satz ist dabei sehr wichtig. Es dauert immer eine Weile, bis ich den passenden gefunden habe. Dann schreibe ich die ersten Kapitel. Dabei wird schnell klar, ob sich eine Geschichte aus der Idee entwickeln lässt und die Protagonisten die Geschichte tragen oder nicht.