»DAS SIND DIE NINJA!«
Miyuki Tsuji über ihre erste Ninja-Recherchereise in Japan
»Das sind die Ninja!« Als Hiroshi Ikeda, Ninja-Experte aus Iga, bei diesen Worten auf ein Wäldchen zeigte, verstand ich nicht, was er mir damit sagen wollte. Wir befanden uns inmitten von Reisfeldern und dieses Wäldchen sah nicht anders aus als die anderen, die verstreut zwischen den Feldern lagen.
Oben: Das sind die Ninja! Von außen ist nichts zu sehen, aber trotzdem ist es da – ein Ninja-Haus, das sich hinter einem Wald versteckt. Die Überraschung und die Begeisterung, die Ben am ersten Tag bei Meister Hattori erlebt, habe ich selbst erfahren. Das war die größte Inspiration für meine Geschichte.
»Kommen Sie!«, lächelte Ikeda-san und lief auf dem schmalen Pfad zwischen kniehohen Reispflanzen voran. An diesem Frühsommertag wollte er mir verschiedene Orte in Iga zeigen, die mit Ninja zu tun hatten. Und zuallererst hatte er mich zu diesen Reisfelder gebracht. Neugierig eilte ich ihm nach. Der Pfad führte uns direkt zu dem Wäldchen. Nachdem wir ein Stück zwischen dicht wachsenden Bäumen zurückgelegt hatten, standen wir schließlich vor einem etwa anderthalb Meter breiten Wassergraben, der fast ausgetrocknet war. Jenseits des Wassergrabens ragte ein circa drei Meter hoher Wall überwuchert von Gräsern und Unkraut empor. Bevor ich fragen konnte, was das alles zu bedeuten habe, sprang Ikeda-san über den Graben und kroch den Wall hoch. Gespannt folgte ich ihm. Als ich auf allen Vieren den steilen Erdwall erklommen hatte, sah ich zu meiner Überraschung vor mir ein Haus.
Ein schlichtes, altes Haus mit einem großen Garten, in dem ein wenig Gemüse wuchs. Es war ein eigenartiger Anblick, der völlig neu und unerwartet war. Das vom Wall umgebene Haus wirkte, als stünde es in einer Talsohle. Mein Herz klopfte vor Aufregung.
Oben: Herr Hiroshi Ikeda, der Vorsitzende des »Iga-Ninja-Kenkyukai« (Forschungsgemeinschaft über Iga-Ninja), der mir viele Orte in Iga gezeigt hat, die mit Ninja zu tun hatten. Links: Herr Yasumasa Sawamura, der Urenkel von Jin’zaburo Sawamura, dem letzten Ninja, der 1853 in den Schiffen der amerikanischen Delegation spionierte (Mehr Information in NINJA! Hinter den Schatten Band 2).
»War das einmal ein Ninja-Haus?«, fragte ich Ikeda-san, der neben mir auf dem Wall stand. »So alt ist das Gebäude nicht. Aber früher stand hier tatsächlich ein Haus der Ninja." Er erklärte mir, dass das Haus gleichzeitig eine Festung war. »Ninja versorgten sich zum größten Teil selbst, damit sie auch in Notsituationen überleben konnten. Außer Gemüse bauten sie viele Kräuter an, die für ihre Arbeit notwendig waren. Und dort, wo der Boden ein wenig erhöht ist, war vermutlich ihr Trainingsplatz.« Ikeda-san sprach weiter, wobei wir langsam auf dem Wall entlanggingen. Die Schattenkundschafter aus dem 16. Jahrhundert, die für mich bis dahin nur in einer fiktiven Welt existiert hatten, standen plötzlich vor meinem geistigen Auge, wie sie den Boden pflügten, Kräuter ernteten und trainierten. Die Vorstellung faszinierte mich.
Plötzlich trat eine alte Frau aus dem Haus. Sie musste unsere Stimmen durch das offene Fenster gehört haben. Ikeda-san verbeugte sich vor ihr und bat um Entschuldigung, dass wir ohne Erlaubnis ihr Grundstück betreten hatten. Die alte Frau lächelte verständnisvoll. Sie schien Ikeda-san gut zu kennen. Nachdem die beiden sich über die lokalen Neuigkeiten ausgetauscht hatten, stiegen wir den Wall hinunter, sprangen wieder über den Wassergraben, schlängelten uns zwischen den Bäumen hindurch und gelangten schließlich wieder aus dem Wäldchen heraus.
Oben: Das Haus und der Vorgarten von Familie Sawamura. Die Familie lebt hier seit vielen Generationen.
»Ist die Frau eine Nachfahrin der Ninja?«, stellte ich die Frage, die mir die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. »Wahrscheinlich. Auf jeden Fall soll die Familie seit Generationen hier leben.« Ikeda-san erzählte noch, dass es überall in Iga solche Festungen gäbe, wobei die meisten davon im Laufe der Zeit stark umgebaut worden seien. Als wir wieder inmitten der Reisfelder standen, waren weder das Haus noch der Wall zu sehen. Es sah wie ein ganz gewöhnliches Wäldchen aus. »Wissen Sie jetzt, was ich vorhin gemeint habe mit 'Das sind die Ninja'?», fragte Ikeda-san. Darauf zu kommen war jetzt nicht mehr schwer: »Von außen kann man es nicht sehen, aber es ist trotzdem da. Stimmt's?« Ikeda-san nickte. Und ich wusste, dass mein Hauptdarsteller aus Deutschland genau in dieser verborgenen Festung alles über die Ninja lernen würde.
Ebenso verborgen blieb auch Meister Jin'ichi Kawakami, 21. Generation des »Koka-Ryu-Ban-Clans«. Zum ersten Mal sah ich ihn auf einem Forum zur Geschichte der Ninja in Iga. Bis er sich für sein Referat erhob, hätte ich nie gedacht, dass der unscheinbare Mann schräg vor mir der Meister sein könnte, von dem ich schon so viel gehört hatte. Schlank und in einem gewöhnlichen Anzug sah er wie ein ganz normaler Angestellter aus. Und tatsächlich war er auch als Ingenieur in einer Elektrofirma tätig. Den anderen Vorträgen hatte er sehr aufmerksam zugehört und wie alle anderen unbekümmert gelacht, wenn jemand witzige Episoden erzählte. Während er dann selbst von alter Ninja-Literatur berichtete, die er in die heutige Sprache übersetzt hatte, und anschließend die Fragen aus dem Publikum beantwortete, beeindruckte mich seine Bescheidenheit immer tiefer.
Oben: Einige Mitglieder vom »Igaryu-Ninjutsu-Hozonfukkokai« (Verein für die Erhaltung und den Wiederaufbau der Ninja-Künste der Iga-Schule) beim Ninja-Fest in Iga. Zum Verein gehören über 200 Ninja-Forscher und Ninja-Begeisterte.
Hiromitsu Kuroi, Vorsitzender des »Igaryu-Ninjutsu-Hozonfukkokai« (Verein für die Erhaltung und den Wiederaufbau der Ninja-Künste der Iga-Schule), der jahrelang von Meister Kawakami die Künste und das Wissen der Ninja gelernt hatte, erzählte mir, dass der Meister bis auf große Ausnahmen seine Ninjutsu nie öffentlich zeige. »Das ist nur selbstverständlich«, sagte Meister Kawakami, als ich ihn in der Präfektur Fukui besuchen durfte. »Ninjutsu übt man für sich selbst. Zudem bedeutet Ninjutsu die gesamte Lebens- und Überlebenskunst. Was man anderen vorführen kann, ist bloß ein ganz kleiner Teil davon.« Nur an seinen Händen war zu erkennen, wer er eigentlich war. Die Fingergelenke waren wulstförmig von dicker Hornhaut umgeben. Später erfuhr ich, dass dies die Spuren waren, die fünfzig Jahre Training, um starke Finger zu bekommen, hinterließen.
Die Faszination, die ich während dieser ersten Recherchereise 2002 erlebt habe, gab mir die Kraft, dieses Buch zu entwerfen und zu schreiben.