Elisabeth Zöller

Interview mit Elisabeth Zöller


Sie haben u. a. Pädagogik studiert und waren fast 20 Jahre als Gymnasiallehrerin tätig. Haben Sie hier bereits ihr untrügliches Feingefühl für die Thematik "Gewalt an Schulen" entwickeln können?

Ja und Nein. Selbstentwickelt habe ich es schon als Kind in den 50er Jahren, die ich als nicht so friedlich empfand.
Als Lehrerin hatte ich damit wenig zu tun, da ich nur in den Klassen 12 und 13 unterrichtete. Doch ich war bereits in der Gewaltprävention tätig und hatte einen vagen Plan, wie ich zu diesem Thema Differenzierteres verfassen könnte: Die Perspektive sollte jeweils eine andere sein, der Ton, die Aggressivität, die Sprache müssten jeweils recherche- und fallrelevant ausfallen, damit die Beteiligten sich wiedererkennen. Und ich wollte für unterschiedliche Altersgruppen schreiben. So war eine gewisse Breite Vorbedingung.

Kinder wissen sich oft nicht zu helfen, verschließen sich und es kommt zur Eskalation. Als wie wichtig empfinden Sie heute Kinderliteratur, die Mobbing und Gewalt an Schulen behandelt?

Als ganz wichtig! Eine solche Literatur hat auch Funktionen, hier nenne ich nur einige:
Kinder können das Ganze im Kopf „durchleben“. Beim Lesen werden Lösungen und Handlungsvorschläge „durchgespielt“ oder Lösungen dabei sogar selbst entwickelt.
Das Buch bildet ein Geschehen, bei dem ich über „den“ oder „die da“ sprechen kann. Das distanziert vom eigenen schmerzlichen Erleben. Darüber hinaus können auch Augenzwinkern, Witz und Humor für Distanz sorgen. Distanz ist für die Bearbeitung in jedem Fall wichtig.
Kinder entwickeln außerdem beim Lesen den Gedanken „Ich bin stark!“ – Stärke beginnt oft im Kopf! Das ist eine Technik, die auch im sportlichen Training häufig eingesetzt wird.
Kinder, die durch Gewalt stumm gemacht wurden, erkennen beim Lesen, dass sie doch nicht so allein sind. Da ist im Buch jemand, der leidet wie sie. Das könnte gewaltgeprägte Kinder aus der bei Gewalt immer vorhandenen Isolierung in ersten kleinen Schritten herausholen.

Sollten solche Bücher bei der zunehmenden Brisanz vielleicht sogar zur Pflichtlektüre werden?

Der Ansicht bin ich schon lange! Ich habe zu mehreren Schulen Kontakt, die jeweils ein solches Buch in der 5. Klasse zum Einstieg lesen. Achtsamkeit steigt, Interaktionsvermögen, Mut und verbale Kompetenz nehmen zu, wie auch Untersuchungen bestätigen.

Haben Kinder, Jugendliche oder Schüler schon einmal per E-Mail, Brief oder bei einer Lesung Rat oder direkte Hilfe bei Ihnen gesucht? Wenn ja, wie geht es Ihnen dabei?

Ich bekomme durchschnittlich fünf solcher E-Mails pro Tag, die ich direkt beantworte.
Ich habe dabei zwiespältige Gefühle. Neben der Freude, dass jemand sich durch meine Texte angesprochen fühlt, bin ich bedrückt. Ich gebe den Rat, mit jemandem zu sprechen. Die Kinder/Jugendlichen haben sich ja an mich gewandt, haben den ersten Schritt schon getan. Die Hauptsache ist, diese Kinder Schritt für Schritt aus ihrer Isolierung herauszuholen. Da ist es erst mal egal, wie.
 

Das Interview führte Frau Zöller im November 2009 mit dem Carlsen Verlag.


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