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Interview

Klaus Schikowski sprach mit dem Münchner Zeichner Uli Oesterle über dessen Comic-Roman Hector Umbra bei CARLSEN.


Klaus Schikowski: Hector Umbra ist auf dem deutschen Markt kein Unbekannter, schon 2003 erschien der erste Band, und dafür gab es den ICOM Independent Preis für den besten Comic und sogar eine Nominierung auf dem Comic-Festival in Angoulême. Nun liegt endlich die komplette Geschichte vor, aber dennoch wird es viele Leser geben, die Hector Umbra nicht kennen, zumal es schon einige Jahre her ist. Kannst du zusammenfassen, worum es in Hector Umbra geht?
Uli Oesterle: Hector Umbra ist ein mürrischer Grübler und Zweifler, verkannter Malerfürst und Fantast, der zu viel raucht und dem Haschisch frönt. Er verbringt die Nächte mit seinen Freunden in der von schwerem Zigarettendunst geschwängerten Atmosphäre der Clubs. Sie bechern die Tränken der Stadt leer und nutzen die Tage, um ihre Räusche auszuschlafen.
Plötzlich verschwindet Hectors Freund Osaka, der beste DJ der Stadt, auf mysteriöse Weise. Osaka ist die perfekte Mischung aus Genie und Wahnsinn und liebt seine Vinylsammlung mehr als jeden Menschen. Hector hat bereits kürzlich einen Freund verloren. Er möchte auf keinen Fall, dass so etwas noch einmal passiert und macht sich daran herauszufinden, wo Osaka abgeblieben ist. Auf seiner Suche begegnet Hector einer merkwürdigen Untergrundorganisation, gewaltbereiten Wachturm-Rentnern, bedrohlichen Türstehern, einer musikalischen Wahnvorstellung, einem neidischen DJ, einer verrückten, schwer schuftenden Stadtstreicherin und noch so einigen anderen. Dabei überschreitet Hector Umbra mit seinen Freunden die Grenzen von Wahnsinn und Tod und erhält eine besondere Gabe.


 


Schikowski: Hector Umbra ist also so etwas wie ein Wanderer zwischen den Welten. Dabei spielst du auch mit vielen fantastischen Elementen, es gibt in dem Band verschiedene Zwischenreiche, die für normale Menschen unsichtbar sind. Es geht um die Toten oder auch um Wahnvorstellungen, und das Übersinnliche spielt immer wieder eine Rolle. Was fasziniert dich an den Grenzen von Wahnsinn und Tod?
Oesterle: All diese "fantastischen Elemente" sind Metaphern.
In jeder Stadt gibt es Menschen, die in ihrer eigenen Welt gefangen scheinen. Jeder kennt diese Menschen, die wild gestikulierend und schimpfend durch die Gassen der Stadt geistern. Mich interessiert, was diese "Verrückten" bewegt oder wo der Ursprung ihrer Erkrankung liegt. In meinem Comic-Roman werfe ich einen Blick hinter die Kulissen ihrer Welt und liefere meine Version vom Reich der Toten.

Schikowski: Man merkt Hector Umbra an, dass es dir ein wichtiges Anliegen war, diese Geschichte zu erzählen. Würdest du sagen, dass es auch autobiografische Elemente in der Geschichte gibt?
Oesterle: So ist es. Ich habe unter anderem zwei der gravierendsten Begebenheiten aus meinem Leben in diesem Buch verarbeitet: Meine kurze, aber prägnante Begegnung mit dem Wahnsinn und der Tod eines guten Freundes. Mit der Figur des Joseph Nirwana wollte ich einem verstorbenen Freund ein kleines Denkmal setzen. Außerdem nährt dessen Schicksal im Buch auf eine positive Art und Weise die ewige Hoffnung, dass der Tod nicht gleichzeitig das Ende bedeuten muss.

Zum Thema Wahnsinn: Ich erlitt im Alter von 23 Jahren eine sogenannte temporäre Aphasie als Folge einer Intoxikation. Auf Deutsch: Ich hatte es zu dieser Zeit mit dem Kiffen etwas übertrieben. Bei einer Aphasie ist man weder in der Lage, das geschriebene oder gesprochene Wort zu verstehen, noch selbst sinnvolle Sätze zu artikulieren. In meinem Fall hat sich dieser äußerst beängstigende Zustand nach ein paar Wochen gelegt. Fortan hatte ich ein Thema gefunden, das ich bis heute immer wieder in meine Geschichten einfließen lasse, und dem Ganja abgeschworen.
Das mag sich bedeutungsschwanger und schwermütig anhören, trotzdem ist Hector Umbra kein Drama. Im Gegenteil. Ich habe mich bemüht, einen unterhaltsamen Popcorn-Film mit Tiefgang zu schaffen, und hoffe, es ist mir einigermaßen gelungen.


 

Schikowski: Wenn man Hector Umbra zu beschreiben versucht, fällt auf, dass er keinem Genre so richtig zuzuordnen ist. Er ist vielmehr ein Genremix. Wie würdest du Hector Umbra beschreiben?
Oesterle: Ja, der Terminus Genremix trifft es wohl ganz gut. Wozu sich auch an vorgefertigte Genre-Schubladen halten?
Ich drücke es mal so aus: Hector Umbra ist eine moderne Großstadt-Szene-Mystery-Gespenstergeschichte mit einem Schuss Philipp Marlowe. Am besten passt wahrscheinlich wirklich die neudeutsche Bezeichnung Mystery.
Eigentlich zielen all meine bisherigen Buchveröffentlichungen in eine ähnliche Richtung. Man könnte meine Erzählungen vielleicht mit denen von Edgar Allen Poe, Roald Dahl, Stephen King, Boris Vian, Chuck Palahniuk (Fight Club) oder den Episoden aus der Twilight Zone in einen Topf werfen.

Schikowski: Sind diese Sachen auch erzählerische Inspiration gewesen? Du dankst "diversen Musikanten für inspirierende Klänge". Woher hast du dich sonst noch inspirieren lassen, sowohl grafisch als auch erzählerisch?
Oesterle: Sicher. Die oben erwähnten Herrschaften, haben mich vor allem von der Art ihrer Geschichten inspiriert. Als weitere erzählerische Inspiration würde ich noch die Werke von Alan Moore nennen, die mich nach wie vor schwer beeindrucken. From Hell, Watchmen - was soll ich sagen? Für mich einer der besten Autoren überhaupt.
Dann ist da noch ein Künstler des amerikanischen Undergrounds, der mich sowohl zeichnerisch, als auch seiner kranken Geschichten wegen seit langem begeistert: Daniel Clowes (Ghost World). Sein Zeug hat was von David Lynch, dessen Filme ich im Übrigen zwar oft nicht verstehe, aber trotzdem mag. Vor allem Twin Peaks.
Als weitere zeichnerische Vorbilder könnte man vielleicht folgende Genies anführen: Am Anfang meiner Zeichnerkarriere standen Daniel Torres und Serge Clerc, die ziemlich schnell von Charles Burns, Jose Muñoz und eben Daniel Clowes abgelöst wurden, die ich bis heute sehr schätze. Seit ein paar Jahren gefallen mir die Arbeiten von Nicolas de Crecy, Mike Mignola oder Frédéric Bézian.

Schikowski: Auch München spielt eine Hauptrolle in der Geschichte. Es gibt viele Straßen, Häuserzeilen und natürlich Wahrzeichen von München zu sehen. Ist das als Hommage an deine Heimatstadt zu verstehen?
Oesterle: Irgendwie schon. Allerdings stelle ich München nicht dar, wie es wirklich ist. Vielmehr serviere ich dem Leser ein morbides Zerrbild meiner Stadt, das die Befindlichkeiten der Akteure widerspiegelt. Ich bin der Meinung, dass die Abbildung realer Schauplätze selbst die haarsträubendsten Begebenheiten plausibler wirken lässt.




Schikowski:
Das stimmt, du wählst gerne schräge Blickwinkel, was die Perspektive verzerrt. Dabei wandelt sich der Stil auch schon einmal ins Groteske und erinnert an den Expressionismus. Kommt die Inspiration auch aus der bildenden Kunst?
Oesterle: Unbedingt. Eigentlich sehe ich meine zeichnerischen Väter genau dort. Gerade der Expressionismus begeistert mich seit vielen Jahren ungebremst. Nach dem Besuch von Ausstellungen von Künstlern wie Otto Dix, George Grosz oder Max Beckmann bin ich immer außerordentlich euphorisch und kann gar nicht schnell genug an den Zeichentisch zurückkehren.

Schikowski: Das wirkt sich auch auf die Atmosphäre des Bandes aus, die ein wichtiger Aspekt bei deiner Arbeit ist. Ist es richtig, dass du besondere Sorgfalt auf die Farbgebung gelegt hast?
Oesterle: Ich sehe die Farbe als eine Art Leitsystem für den Leser. Ich benutze oft gedeckte, schlammige Farben, um gewisse morbide oder melancholische Stimmungen zu erzeugen, und vereinzelt verwende ich kräftige Farbflächen, um Akzente zu setzen. Banal gesagt, dient es vor allem dazu, Szenenwechsel zu markieren, den Leser nicht zu verwirren und ohne Umschweife durch die Geschichte zu führen.



Schikowski:
Hast du eigentlich in irgendeiner Form für die Geschichte recherchiert? Oder brauchst du vielleicht sogar die Freiheiten, die du dir für die Geschichte genommen hast, auch für die grafischen Freiheiten? Würde dich also eine zu detaillierte Abbildung beim Erzählen hindern?
Oesterle: Das Einzige, was ich recherchiert habe, sind Gebäude, Wahrzeichen und das ein oder andere Club-Interieur. Ich habe das fotografiert und eins zu eins in meine krumme, verzerrte Bildsprache übersetzt. Es ist mir wichtig, dass man die Schauplätze auch erkennt. Lineale benutze ich dabei allerdings nur, um Panelrahmen zu ziehen oder Mücken zu erschlagen.
Und nein, zu viele Details hindern mich keineswegs beim Erzählen. Im Gegenteil, die Zeichnungen werden gegen Ende sogar wesentlich detailreicher.

Schikowski: Du gebrauchst - vor allem zum Schluss - viele Geräusche als grafisches Element. Wolltest du am Ende gerne mit der Lautstärke spielen? Denn Musik ist ein wichtiges Element in der Geschichte. Ich bin auf die Lautstärke gekommen, weil es so wirkt, als hättest du einen eigenen Soundtrack für Hector Umbra im Kopf.
Oesterle: Das mag daran liegen, dass gegen Ende viel Lärm und Musik herrscht und Geräusche auftauchen, die schon zu einem früheren Zeitpunkt in der Geschichte eine Rolle gespielt haben. Die Klänge sind für den Schluss einfach wichtig. Fortsetzung des Interviews